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Dienstag, 2. Februar 2010

Es wintert gar sehr

Bevor ich demnächst verrate, wo ich nicht bin, hat mir die Insel-Rundschau, die ich auch hier verfolgen kann - welch ein Amüsement zuweilen, wenn ich meine Situation bedenke - diesen kleinen Dialog eingeben:

Mausi: Karl, Kaharl!
Karl: Mausi, schrei mich doch nicht an!
Mausi: Tu nicht immer so, als hörst du mich nicht.
Karl: Ich höre dich sehr gut. Schrei mich nicht an, Mausi!
Mausi: Karl, in der Rundschau steht, dass es gestern und vorgestern geschneit hat und dass nun überall Schneewehen herumliegen.
Karl: Is nich wahr!
Mausi: Doch, steht hier.
Karl: Und ich dachte schon, dass es nur hier in Heringsdorf geschneit und geweht hat. Siehst du, Mausi, gut dass wir die Rundschau haben. Jetzt wissen wir, dass es in Wolgst und in Greifswald und in Anklam und in ...
Mausi: Nu is man gut, Karl. Es hat überall geschneit.
Karl: In Swinemünde auch?
Mausi: Davon steht nichts in der Zeitung.
Karl: Dann werden die Polen wohl drum rum gekommen sein, Mausi.
Mausi: Kann ich mir nicht denken. Warum sollte der Schnee an der Grenze aufhören?
Karl: Keine Ahnung. Aber wenn nichts davon in der Rundschau steht, wird es in Swinemünde wohl nicht geschneit haben.
Mausi: Das is wohl so.

Karl schaut sich die Zeitung an, kratzt sich den Hinterkopf, wie immer, wenn er über etwas mächtig nachdenkt, was ihm nicht recht ist: Mausi? Sag mal, ob wir für die Zeitung am Monatsende Geld zurückkriegen?
Mausi: Wieso denn das?
Karl: Mausi, ist dir aufgefallen, wie viel Schnee auf den Fotos zu sehen ist?
Mausi: Ja, mächtig viel Schnee, drei Seiten voll.
Karl: Na dann pass mal auf, dass er nicht taut. Das gibt sonst eine Schweinerei in der Stube.
Mausi: Karl, du bist ein Knallkopp.
Karl: Musst nicht alles gleich ernst nehmen. Aber zurück zum Geld. Die sparen doch ne Menge Druckerschwärze, wenn sie viele Schneebilder drucken.
Mausi: Du meinst, die machen das wegen der Farbe?
Karl: Warum sonst? Du weißt, wie Schnee aussieht, ich auch. Wir brauchen ja nur aus dem Fenster zu gucken, dann wissen wir Bescheid.
Mausi: Ja Karl, aber wenn nun der Schnee in Wolgast ganz anders aussieht. Stimmt, is Quatsch.
Karl: Siehst du, warum also die vielen Fotos. Die wollen Farbe sparen. Schließlich ist das Papier doch schon weiß. Darauf Schneebilder zu drucken - alles klar jetzt?
Mausi: Und schreiben brauchen die auch weniger. Da kann glatt einer mehr Urlaub machen.
Karl: Und das bezahlen wir trotzdem alles? Wollen wir uns das Geld nicht zurückholen?
Mausi: Und wie viel is das?
Karl: Verdammt, schlaue Frage. Ich glaube, die haben uns am Schlafittchen. Wie soll ich das ausrechnen? Hoffentlich kommen die nicht auf Idee, demnächst weiße Schrift einzuführen.
Mausi: Ach du wieder.
Karl: Neenee, das haben die drauf. Wer die Zeitung seitenweise mit Schneebildern bedruckt, will unser Geld und dafür weniger tun. Mausi, alles klar! Deshalb schreiben die auch nichts über die Verpackungen in den Geschäften, in denen immer mehr Luft ist, lassen das die Fernsehleute machen. Könnte ja einer wie ich auf die Idee kommen, dass die Rundschauleute es genauso machen.
Mausi: Du bist doch auch so drauf gekommen.
Karl: Ja, aber nur, weil ich wohl zu den wenigen gehöre, denen niemand zu zeigen braucht, wie Schnee aussieht.
Mausi: Ach Karl, die machen ja doch, was sie wollen.
Karl: Genau wie die Politiker ...
Mausi: Nun is aber gut, Karl. Bleibt alles, wie es is.


Mittwoch, 1. Juli 2009

Kolonnisten

Es können nicht alle Autofahrer Autobesitzer gewesen sein, die heute vormittag auf der Bundesstraße durch Heringsdorf fuhren. Auf der Straße zockelten so viele Autos auf beiden Fahrbahnen, dass ich davon ausgehe, etliche Leute hatten sich Autos geborgt, um mitzumachen, die Straße zu füllen, und nicht nur das, sie fuhren, um die Autos auch zu nutzen, mehrfach zwischen Bansin und Ahlbeck hin und her, wohl auch gleich nach Swinemünde zum Tanken.
So voll war die Straße!

In den nächsten Jahren werden weitere Übernachtungsmöglichkeiten gebaut, so das 30 Meter hohe Hotel, das schon heute den Tarnnamen "Teil des Ortszentrums Heringsdorf" trägt, aber den Namen "Koloss von Heringsdorf" verdient hat.
Ich hoffe, dann werden die Leute mit den geborgten Autos, diese Kolonnisten, aussortiert, damit die Autos auf der Ortsdurchfahrt nicht übereinander gestapelt werden müssen.

Sonntag, 17. Mai 2009

Holls einfacher Weg zum Teemischer

Sturmfeld-Leser wissen, wie der Rentner Uwe Holl seinen Tee im Sommer mischte. Er hatte noch andere Tee-Tipps, die Sie vielleicht schon kennen. Eine kleine Wissensauffrischung kann aber nicht schaden und es wird auch bald Sommer sein.
Noch eins: Hier wird nie und nimmer über Tee in Beuteln geschrieben. Sie sollten sich nicht von Teeabpackern Ihre Teemenge pro Tasse vorschreiben lassen.

Der einfache Weg zum Teemischer

Experimentieren bringt Erfinder-Freude und Aroma-Schub

Oft wird Ihnen versprochen, Tee schmecke dann und nur dann nach Tee, wenn sich sein Geschmack im ko­chenden Wasser frei entfalten kann. Er quillt nicht im Tee-Ei, wo die Teeblätter nur eine kleine Chance bekommen, ihre Aromastoffe an das Wasser abzugeben. Die Teeblätter pressen sich einfach zu sehr an­einander.

Das wissen Sie schon lange, ebenso, dass nur frisch sprudelndes Wasser und eine vorgewärmte Kanne dabei hel­fen, viele Aromastoffe aus dem Tee hervorzulocken. Doch geht Ihnen die Bequemlichkeit über alles. Lieber ver­zichten Sie auf das volle Aroma. Außerdem sind Sie als hart trainierter Single niemand, der eine ganze Kanne Tee benötigt. Eine große Tasse reicht Ihnen? Wie wäre es aber, wenn Sie ab heute die Bequemlichkeit des Tee-Eis mit dem vollen Aroma-Schub verbinden könnten?

Zu Ihrer vorgewärmten Tasse benötigen Sie ein feines Sieb. Verzichten Sie auf einen Porzellaneinsatz. Er hat zu wenige Öffnungen. In das Sieb geben Sie den Tee. Jetzt gießen Sie das frisch sprudelnde Wasser durch das Sieb. Richtig voll muss die Tasse werden, denn der Tee saugt eine ganze Menge Wasser auf. Die Teeblätter schwimmen nicht in Ihrer Tasse umher. Dennoch presst sich kein Teeblatt an das andere. Die Aromastoffe ge­hen ungehindert in das Wasser über.

Nun kommt es ganz darauf an, ob Ihr Tee Sie anregen oder beruhigen soll. Sind Sie auf eine Aufmunterung aus, erreicht die Methode das, was Sie unschlagbar macht. Sie können nämlich das siedende Wasser durch das Sieb gießen und diesen Sud trinken, der sich in Sekunden-Bruchteilen des Teekontaktes gebildet hat. Sie haben sich dann den vollkom­menen Muntermacher gekocht, denn die Teeblätter können während dieses blitzartigen Aromen-Entzugs keine Gerbstoffe abgeben. Diese Stoffe sind es nämlich, die das anregende Teein nicht wirken lassen und Sie sich nicht zum hohen C der Munterkeit hinauftrinken können.

Ihre neue Kochmethode für Singles hat einen weiteren Vorteil. Sie können den Kampf gegen die Bevormundung durch die Teeindustrie aufnehmen, die Sie mit aromatisierten Tees und Standard-Mischungen in vorgefertigte Geschmacksrichtungen zwingen will. Lassen sie sich nicht zwingen. Experimentieren Sie mit Mischungen aus grünem und schwarzen Tee, wenn der Tee ein wenig bitter schmecken soll. Oder mischen Sie Pfefferminze mit schwarzem Tee, um einen Wachmacher und Durstlöscher zugleich zu trinken. So tun es die findigen Geor­gier. Merken Sie es? Vanille- oder Mango-Aromen im Tee sind noch lange nicht das Ende der Tee-Kochideen.

Genießen Sie es, Ihre eigenen Mischungen zu finden und zu verfeinern. Werden Sie Erfinder. Und schließlich, lassen Sie sich Ihre Mischungen schmecken und der doppelte Genuss stellt sich ein. Riechen und schlürfen Sie den Tee. Versuchen Sie, dabei nichts anderes zu tun. Während des Trinkens zu fragen: „Was tue ich danach?“ würde nur Ihre Fähigkeit verringern, den Augenblick und damit den Tee zu genießen.

Montag, 11. Mai 2009

Usedomer bekommen keine Schweinegrippe

Erinnern Sie sich noch an die Krankheit, die aus Mexiko über uns gekommen sein, durch Viren ausgelöst sein und mit Schweinen zu tun haben soll?
Möglicherweise stimmt keine der Annahmen. Doch das ist schon nebensächlich.

Hauptsächlich ist, dass ich auf einem Sammelplatz ein altes Elekrogerät abgab. Denn hätte ich das nicht getan, wüsste ich noch immer nicht, warum uns auf der Insel die sog. Schweinegrippe nichts anhaben kann.

Als ich das Gerät aus dem Auto hob, musste ich husten. Ein Mann, wenige Meter neben mir, fürchtete um mich und das abzugebende Gerät, als er sah, wie ich hustete und schwankte und nahe daran war, mit dem Gerät zu stürzen. Der Mann bewahrte mich, indem er das Gerät auffing und ich so mein Gleichgewicht wiedergewann.

Ich sah mich bemüßigt, außer einem Dankeschön noch etwas zu ihm zu sagen und verfiel auf diese Idee: "Der Husten wird doch wohl nicht ein Anzeichen von Schweinegrippe sein?"
Er zögerte keine Sekunde mit einer Antwort: "Hier auf der Insel gibt es keine Schweinegrippe."
"Und es wird hier auch keine geben?"
"Genau."
"Und warum?"
Er sagte in nur ganz wenig vorwurfsvollen Ton, also einem vorwurfsarmen Ton, als müsste ich den Grund kennen: "Das ist die Lage am Meer. Daher kommt die jodhaltige Luft. Und Jod können die Viren nicht ab."

Seitdem beruhige ich mich, dass mir die Schweinegrippe nichts anhaben kann.

Oder kann sie doch? Wie viel Jod ist in dem Brackwasser und wie viel davon gelangt in die Luft? Was ist, wenn tagelang der Wind still steht?
Und wenn jemand eine Wunde mit Jodtinktur desinfiziert, soll das dasselbe sein, als atmete ich gering jodhaltige Luft? Jod ist doch nicht gleich Jod!
Seitdem bin ich wieder unruhig.

Sonntag, 29. März 2009

Salon der Dichter

Dass die Inselrundschau nichts über Poetry Slam berichtet, wird daran liegen, dass es auf der Insel keine Dichter gibt, die sich einem Wettstreit stellen wollen, die es auch nicht können, weil niemand zu solch einem Wettstreit aufrief.

Die Redakteure der Inselrundschau haben schwer zu kämpfen, ihr Blatt zu füllen. Doch niemand kam bisher auf die Idee, im Sommer junge Dichter anzulocken, indem sie mit interessierten Kurverwaltungen (Oje! Verwaltungen, ob das etwas werden kann?) zusammen solche Wettbewerbe vorbereitet und in der Rundschau publik macht.
Das würde vielleicht in der Nebensaison besser funktionieren, wenn Greifswalds dichterische Studenten auf solch einen Wettstreit aufmerksam gemacht werden könnten.

Dass solche Veranstaltungen, von Jungpoeten organisiert, in Großstädten seit Jahren Zulauf haben, kann ich belegen. Ob auf der Insel Ähnliches möglich ist, müsste einfach probiert werden. Die Inselrundschau könnte ohne viel Aufwand etwas für junge Poeten tun und darüber berichten und siehe, schon hätte sie ein paar junge Leser mehr und hätte für sich auch etwas getan.

Hier ein Beispiel, wie solch ein Wettbewerb abläuft:

Salon der Dichter

Literaturszene im Kulturzentrum Z-Bau

Die Augen müssen sich erst an das Schummerlicht im Roten Salon des Z-Baus gewöhnen. Die Frankenstraße ist am Freitagabend heller. Auf dem Podium, beleuchtet von einer Schreibtischlampe, ordnen vier junge Männer Papierblätter. Es sind die Poeten, die heute Abend aus ihren Arbeiten lesen werden.

Vor ihnen warten 30 Zuhörer. Die Tische vor den Poeten und die beiden Sofas an den Seiten sind besetzt. An den hohen runden Tischen sind Barhocker frei, auch an der Bar, die dem Poeten-Podium gegenüber liegt. Hier ist es heller vom Licht der Halogenlampen an der rot-schwarz gestrichenen Decke. An den Seitenwänden beschimmern diagonal versetzte Lampen die roten Salonwände.

Vor dem Podium, im Gegenlicht kaum zu erkennen, überbrückt Alexander Nym vom Veranstalter Sprachkrach e. V. eine Zwangspause, entstanden durch widerborstige Technik: „Ich werd’ ’mal ein bisschen quatschen, bis alles angeschlossen ist.“ Ein Zuschauer möchte ihm helfen, empfiehlt, die Poeten könnten sich vorstellen. Doch vom Podium kommt prompt die Ablehnung: „Wer etwas über uns wissen will, kann nachher fragen. Ist wohl besser so.“ Schließlich rät Nym, die Handys abzuschalten, „Piepser, Herzschrittmacher und ähnliche empfindliche Geräte auch“.

Ein Gast mit Brille und wellig wallendem Haar nutzt den Schein der kleinen Windlichter, die auf jedem Tisch stehen. Er zeichnet seine Phantasie auf ein Blatt Papier, wie die vier Poeten es mit jenen Worten taten, die sie jetzt vortragen.

Was aus den Lautsprechern in den Salon schallt, ist fein geschliffene, manchmal derb behauene Poesie, hat nichts mit Herz-Schmerz zu tun, „ich habe alle Liebesgedichte rausgeschmissen“, ist Alltag und wilde Phantasie, will „Räume schaffen, in denen Träume fliegen“. Die Zuhörer erfahren von Herrn Albert, der am Baum hängt, ohne sein Holzbein, das ihn seit Stalingrad trug. Sie hören, warum Rüdiger jetzt in einer Sanduhr die Zeit einteilt, oder was es mit „Blix und Donner“ auf sich hat. Dafür gibt es Applaus von inzwischen 50 Gästen.

Ein Schäferhund-Mischling springt unter einem der Tische auf, auch bei jedem weiteren Beifall, bis sein Herrchen den nicht klatschfesten Hund nach draußen bringt. Im Nachbarraum beginnt eine Bluesband zu spielen, ist durch die graue Blechtür zu hören. Zwei junge Frauen an der Bar küssen sich selbstvergessen und ausdauernd.

In der Pause wechselt eine Frau in Anorak, kurzem Rock, karierten Kniestrümpfen und salonfarbenen Schuhen vom schwarz verhangenen Eingang an einen anderen Tisch. Der Poet Oliver Barfknecht erzählt, dass alle vier Lesenden an der Universität Nürnberg-Erlangen studieren. In der Theatergruppe lernten sie sich kennen und wunderten sich: „Man sollte doch glauben, dass es am Germanistik-Lehrstuhl Leute gibt, die selber Texte produzieren und vorstellen.“ Mit ihrem Quartett gibt es sie nun, neben Barfknecht Volker Berdich und Sebastian Reichert. Später kam Christian Preunkert dazu, der neben Texten die Musik für die Video-Musik-Lesung liefert.

Höhepunkt des Abends wird das Multimedia-Projekt über einen diebischen Nachbarn. Barfknecht lässt seine Zunge im Nachbarn spionieren, um seine gestohlenen Erdbeeren aufzuspüren. Wie bestellt schreit nach dem „Gedicht vom Scheißen“ durch die Blechtür eine Blues-Mundharmonika auf.

Als die Poeten ihre Gäste in die hellere Nacht der Frankenstraße entlassen, klingt der Abend nach: „Stellt euch vor, die Welt wäre aus Gummi und unsere Schuhe aus Stein.“ Einige Zuhörer werden das tun und sich auf die nächsten ersten Freitage im Monat freuen, wenn Sprachkrach wieder zum subkulturellen Sprachvergnügen einlädt.

Sonntag, 22. März 2009

Am Greifswalder Bodden

Am Greifswalder Bodden

Wo Himmel und Meer bleigrau den Horizont verstecken
und der Blick übers Wasser haltlos bleibt,

wo die Möwen, den Zugvögeln gleich, im Keil auf Reisen fliegen,

wo das Pfingstfest letztes Signal für das erste Bad des Jahres ist,
selbst wenn Eisschollen treiben,

wo der Sturm aus Nordwest mich vom Strand weht
und der Frost aus dem Osten sich in die Ohrmuscheln krallt,

wo das Wasser am Morgen eine Glatze trägt,
die Stunde darauf sich Wellen kräuseln
und Minuten später Wogen toben,
eine jede Ebbe und Flut zugleich,

wo Kiefern krummbeinig und schiefhäuptig auf dem Steilufer wachsen,

wo die Sturmflut Wiesen in Seen verwandelt
und Wohnzimmer in Tümpel,

wo hunderte Schwäne im Bodden-Eis zu Tode frieren,
ein Festmahl für Füchse, Krähen und Adler,

wo ich für's Fensterbrett den Donnerkeil und steinalte Muscheln fand,
doch nie einen Bernstein,

wo ich dem Sohn die Gier des Fischjägers weitergab,
wo der erste Tag der alljährlichen Hechtverführung unser Feiertag bleibt,

was soll ich da am Mittelmeer?

Sonntag, 15. März 2009

Des Habilds Hasen vom Hasenbuck

Ein paar Jahre lang lebte ich in Franken. Dort habe ich so viel gelernt, wie zuvor in sechs Jahren. Ich lernte dort Leute mit Ideen kennen, z.B. den Apotheker Gert Habild, der seine Apotheke im Stadtteil Nürnberg-Hasenbuck betreibt.

Weil in allen möglichen Läden seit Wochen Ostersachen angepriesen werden und weil es bald Frühling wird (In einer regionalen Zeitung wäre zu lesen: "Der Frühling steht vor der Tür." Das ist natürlich Quatsch, denn der Frühling steht vor keiner Tür, liegt auch nicht davor und auch nirgends woanders.), erinnerte ich mich an den Apother und an das, was ich von ihm weiß: In seinem Laden stehen, sitzen, liegen und hängen Osterhasen aus aller Welt, das ganze Jahr über. Sogar Notizzettel, die er verschenkt, sind behast:

Wer Gert Habild eine Freude machen möchte, schenkt ihm einen Hasen. Ob Plüsch, Holz, Blech, Plaste, Porzellan, Glas, Schokolade oder gemalt und gezeichnet, spielt keine Rolle. Hauptsache der Löffelträger ist originell. Dass es ausgerechnet Hasen sind, hat mit seiner Apotheke zu tun. Sie liegt im Stadtteil Hasenbuck.

Als Gerd Habild Anfang 1997 die Apotheke in der Rieppelstraße übernahm, hatte er die Idee, zu Ostern das Schaufenster mit Hasen auszustatten. Einige Meister Lampe aus dem Baumarkt wurden so der Beginn seiner Sammelleidenschaft. Ein Hase wurde auch zum Logo der Apotheke. Die Frau eines Freundes, eine Grafikerin, entwickelte es: den breiten, lächelnden Kopf mit den besonders schlanken Ohren.

„Öfter mal was Neues“ ins Schaufenster zu stellen, sei interessanter für die Kundschaft, meinte der Apotheker. Also wechselte er von Zeit zu Zeit die Hasen-Dekoration. Nur im Weihnachts-Schaufenster standen Engel und Räuchermännchen. Doch selbst dort fand sich ein Hase, aus Holz geschnitzt und deshalb ein wenig getarnt.

Wer öfter an der Apotheke vorbeikommt, entdeckt Hasen mit Pilzen in der Pilzzeit, Hasen mit Ranzen, wenn die Ferien enden und traditionell einmal jährlich ein Mohrrüben-Schaufenster. Zum wahren Entdecker wird, wer die Apotheke betritt. In den Regalen, zwischen Arzneien, an allen Ecken und Enden stehen, sitzen, liegen oder hängen Hasen. Vom Kitsch- zum Kunsthasen sind es oft nur Zentimeter. So steht auf einem Meter hohen Sockel das Kunstharz-Modell des kleinen Hasen von Jürgen Goertz, dessen Original ganz blank von Streichelhänden am Tiergärtner Tor steht. Gern zeigt Gert Habild das Plakat von Toni Burkhart mit dem Dürer-Hasen aus dem Jahr 1971.

Ist der Apotheker auf Reisen, schaut er natürlich nach Auslands-Hasen. Aus Indien brachte er Hasen-Büchsen aus Pappmaché mit, eine Hasen-Kinderrassel und einen Hasen reitenden Buddha aus Kambodscha, Hasen mit Instrumenten aus England und Griechenland.

Aber auch Absonderliches sammelt Habild, zum Beispiel eine Häsin im neongelben Abendkleid, einen Hasen im Froschkostüm oder einen Bären im Hasenkostüm. Als die Ente Paula der Nürnberger Nachrichten zu Ostern Hasenohren zum Umbinden erhielt, kaufte der Apotheker gleich 50 dieser Ohrenpaare. So kann er alle möglichen Plüschtiere in Hasen verwandeln.

Etwa 500 Hasen hat der Hasenbuck-Apotheker in sieben Jahren gesammelt. Wie viele genau, weiß er nicht, denn ab und zu verschenkt er auch Teile seiner Sammlung. Inzwischen geht das Sammeln über das eigentliche Objekt hinaus. Aus dem Bezirksmuseum Berlin-Charlottenburg brachte er ein Heft mit Osterhasen-Gedichten mit. Er besitzt den Katalog des Osterhasen-Museums in München. Und natürlich weiß er, dass der Hase in Kambodscha das Symbol für den Mond ist.

Was Gert Habild in diesem Jahr zu Ostern ins Schaufenster stellt? Es könnte sein, dass es mit Hasen zu tun hat.

Sonntag, 1. Februar 2009

Allmächd! Zwei Mal Neunhof

Bevor ich noch einmal den einsitzenden Rentner Holl zu Wort kommen lasse, muss ich Sie über eine weitere misslungene Karriere in meinem neuen Leben ohne Insel-Rundschau informieren.
Um die Karriere tut es mir nicht leid. Reisejournalist zu bleiben, ohne Schleichwerbung zu verbreiten, ist schwierig. Außerdem wird in so vielen Reiseportalen über Urlaub und Hotels berichtet, dass spezialisierte Journalisten bald durch PR-Leute ersetzt werden.

Diesen Reisebericht nahm mir niemand ab, obwohl er sehr nützlich ist.

Wenn Sie mal nach Nürnberg kommen und viel Zeit mitbringen, könnten sie auch einen Patrizierlandsitz mit Renaissancegarten und seltsamen Figuren an den vier Ecken des Gartens besuchen. Aber aufpassen, sonst rufen auch Sie:


Das Museums-Schloss bei Nürnberg besichtigen? Auf geht’s! Aber fahren Sie zum richtigen Touristen-Ziel. Selbst 275 Jahre alte Zwerge, die es eigentlich wissen müssten, suchen eine Nacht lang vergebens.

„Allmächd! Was sind das für Wichte, die in meinen Neunhofer Schlossgarten hineinwackeln? Sind kaum zu erkennen im Mondlicht. Irren auf den Wegen umher, als wollten sie mir altem Gespenst Angst einjagen. Da kann ich nur lachen. Diese Zwerge werde ich gehörig erschrecken.“ Bruno, seit 1279 Neunhofer Schlossgespenst, durchrauscht die Dachluke, schwingt sich hinab in die Baumkronen und umrast als blutroter Nebel mit Donnergetöse die vier Zwerge. Die drängen sich ängstlich zwischen den Rosenbüschen aneinander.

„Ihr komischen Kobolde, ihr sandsteinernen Witzfiguren, was habt ihr im Neunhofer Schlossgarten verloren?“, grollt Bruno. Nur einer der Zwerge wagt es, den Blick zu heben: „Wir sind die vier Zwerge aus dem Germanischen Nationalmuseum, die einst hier im Garten standen. Ich bin das Bratwurstmännle. Während wir es im Museum warm und trocken haben, stehen Kopien von uns im Garten. Wir sind hierher gekommen, um nach unseren Klonen zu schauen. Wir wollen ihnen Mut zusprechen, damit sie noch recht lange durchhalten und wir nicht wieder sandsteinsteif hier herumstehen müssen. Wir können unsere Ebenbilder aber nicht finden.“ Beim letzten Satz hebt das Bratwurtsmännle keck den Kopf.

„Was seid ihr nur für trübe Tassen? Ich geistere nun schon 700 Jahre durch Schloss und Garten. Steinzwerge standen hier noch nie.“ Bruno legt all seine gespenstische Kraft in seine Dröhnstimme und brüllt die Zwerge an: „Ihr Wichte wollt mich wohl auf den Arm nehmen?“ Als er die Ärmchen der Zwerge sieht, lacht er wütend mit einem schaurigen Echo, dass den Männchen der Sand von ihren Knien rieselt. Jetzt ist es das Eiermännle, das zuerst die Fassung wiedergewinnt: „Aber das ist doch der Garten in Neunhof .“ Es hält seine Hand schützend über die Eier in der Schüssel.
„Ja, unser Garten“, mischt sich mutig geworden sogar das Lautenmännle ein und schaut dabei hinter dem Dickbäuchigen hervor.
„Ihr seid im Schlossgarten in Neunhof bei Lauf. Wolltet Ihr etwa in das Neunhof bei Kraftshof?“, fragt das Schlossgespenst voller Vorfreude auf die Antwort.
„Keine Ahnung“, antwortet kleinlaut das Lautenmännle. „Außer unserer Fahrt vom Schloss ins Museum sind wir nie unterwegs gewesen.“
„Alles klar, ihr habt euch selbst hereingelegt, seid im falschen Schloss“, und Bruno brüllt ein schauriges Lachen hervor. Diesmal rieselt den Zwergen der Sand von den Nasen.

„Dies ist auch Neunhof. Hier steht ebenfalls ein Schloss. Beide Schlösser gehören der Welser-Stiftung. Und das sind die Unterschiede: Die beiden Neunhofs liegen 16 Kilometer auseinander. Hier ist der Barockgarten schon lange in einen englischen umgebaut worden. Und das Wichtigste, das Schloss bei Kraftshof ist ein Museum, dieses ein normaler Wohnsitz. Hier wohnen die Familie des Georg Freiherr von Welser und natürlich ich. Außerdem ist das Schloss Sitz der Welserschen Familienstiftung, deren Geschäfte der Georg führt.“

„Das gibt es doch nicht!“, ruft der dickbäuchige Fressnarr.
„Der Weg war umsonst!“
„Warum soll es euch besser ergehen als den Touristen, die in jedem Jahr das Museums-Schloss bei Kraftshof besuchen wollen und hier landen“, freut sich das Gespenst. „Da war der junge Freiherr gerade in seiner Hängematte eingeschlummert, als ein Ehepaar neben ihm stand und Einlass in das Schloss begehrte. Höflich wie er ist, führte der Georg die Leute. Allerdings zeigte er ihnen nur einen Raum, aus zwei Gründen: Zum einen bleiben die Wohnräume der Familie tabu. Zum anderen wird das Schloss saniert, mindestens bis zum Sommer.“

„Gibt es also kaum eine Chance für eine Besichtigung?“, fragt das Bratwurstmännle und ist damit wieder Wortführer der Zwerge. „Allmächd!“, stöhnt das Gespenst so laut, dass jedes zweite Blatt von den Bäumen segelt. „Natürlich kann das Schloss besichtigt werden, aber nicht unangemeldet, nicht zu jeder Zeit und schon gar nicht nachts“, faucht Bruno den Zwergen entgegen. „Eine Chance hat, wer sich schriftlich anmeldet, ihr Analphabeten“, ergänzt das Gespenst und lacht nicht mehr so laut, dafür sehr hämisch. „Jetzt macht euch auf die Socken, wandert die B 2 nach Nürnberg zurück und die B 4 in Richtung Erlangen weiter. Bald hinter dem Flugplatz findet ihr euer Neunhof. Und so wie ihr ausseht, erschreckt nicht vor euren Ebenbildern, ha, ha, ha!“

Wer unbedingt das Welser-Schloss Neunhof bei Lauf besuchen möchte, sollte sich rechtzeitig anmelden. Schreiben Sie an Georg Freiherr von Welser, Schloss Neunhof, 91207 Lauf.

Sonntag, 25. Januar 2009

Klappts mit dem Korkenzieher, dann auch mit dem Nachbarn

Wie schnell ein Karriere endet, noch bevor sie beginnt, erleben Sie jetzt.
Nach meinem Weggang von der Insel-Rundschau wollte ich eine Karriere als Werbetexter beginnen. Ich bewarb mich mit mehreren Arbeitsproben. Ich habe nie wieder von dem Werbebüro gehört. Ich werde auch nicht noch einmal nachfragen. Ein Anruf genügte:
"Was? Sie haben was über Korkenzieher geschrieben? Nie davon gelesen.Überhaupt, Korkenzieher, wie sind Sie auf die Idee gekommen? Mit Korkenziehern haben wird nichts zu tun."
Das verstand ich so: "Mit Ihnen wollen wir nichts zu tun haben."
Hier die Arbeitsprobe:

Klappts mit dem Korkenzieher, dann auch mit dem Nachbarn

Lavendelduft zieht über die Terrasse. Anette atmet ihn tief ein, schaut über das Feld zur Hügelkette. Es war eine gute Idee, das Häuschen in Südfrankreich für den Urlaub zu mieten, denkt sie. Mal sehen, ob es auch eine gute Idee war, Paul aus dem Nachbarhaus auf eine Flasche Wein einzuladen.

Der Bordeaux glüht in der Flasche wie die untergehende Sonne über den Hügeln. Paul tritt auf die Terrasse, bewaffnet mit einem Blumenstrauß und einem Päckchen. Jetzt schnell den Bordeaux öffnen, denkt Anette, dreht den Flaschenöffner aus dem Küchenschrank in den Korken und zieht und zieht. Vor Anstrengung rötet sich ihr Hals wie ein Roséwein. Stirn und Achseln werden feucht vom Schweiß.

„Guten Wein hat dein Vermieter bestimmt“, sagt Paul. „Doch der Flaschenöffner ist wohl so alt wie das Haus. Schau doch bitte in das Päckchen.“ Anette packt einen Korkenzieher aus. „Mit dem Öffner bekommst du jeden Korken gezogen.“ Und tatsächlich, Anette dreht in Sekunden den Korken aus der Flasche. Paul muss nicht einmal erklären, wie das Gerät funktioniert, so einfach geht es.
„Ist ja auch kein gewöhnlicher Korkenzieher“, meint Paul, während er die Gläser füllt.

Es ist ein Screwpull, mit dem Anette die Flasche öffnete. Der Unterschied zu allen anderen Korkenziehern: Anette muss nur die Spitze des Screwpull auf die Mitte des Korkens setzen und nun mit leichtem Druck am Griff drehen, bis der Korken aus der Flasche ist. Eine kleine Vorrichtung des Screwpull macht es möglich. „Ich weiß nicht, wie du die Folie vom Hals der Flasche bekommen hast“, sagt Paul. „Zum Screwpull gehört ein Folienschneider, der die Folie mit einem Handgriff vom Flaschenhals trennt.“

Anette ist begeistert von dem Geschenk und ein wenig auch schon von Paul. Sie weiß gar nicht mehr, ob Pauls Gesicht vom Sonnenbrand oder vor Aufregung so ein munteres Rot hat. Ihres beginnt vom Bordeauxc oder wovon auch immer zu glühen. Und sie denkt, wenn Paul noch mehr solcher Ideen hat, kann das noch ein aufregender Urlaub werden.

Sonntag, 11. Januar 2009

Trennblätter

Nehmen Sie es, wie Sie wollen:

Ich berichte Beiläufiges, weil ich Sie länger neugierig machen möchte auf die nächste Holl-Geschichte.
Ich berichte Beiläufiges, weil ich möchte, dass Sie sich von der Bestürzung über die Holl-Geschichte vom 4. Januar erholen können, sofern Sie bestürzt waren (würde mich interessieren).

Trennblätter

Gleich an zweiter Stelle auf der Materialliste stand:

100 Stck. Trennblätter

Was alle anderen Positionen auf der Liste bedeuteten, war mir klar, Kopierpapier, Notizblöcke ... aber Trennblätter?

Ich hätte forsch 100 Trennblätter fordern können. Doch in der Materialausgabe hätten sie mir Werweißwas eingepackt und sich anschließend über meine Bildungslücke amüsiert. Welch ein Gelächter hätten die Kollegen angestimmt, wenn ich ausgepackt hätte, wovon ich dachte, es seien Trennblätter. Hatten die Kollegen etwa die Trennblatt-Besorgung angezettelt? Gierten sie danach zu erleben, wie ich mich blamierte?

War das eine Fortsetzung der nun zehn Jahre zurückliegenden Blamage, als ich, der Lehrling, losgeschickt wurde, den Kolbenschlüssel zu bringen? In der Werkzeugausgabe krähte die Ausgeberin sofort los: Hejerbät!? Hejerbät!! Hijä iss einä vonne Reperatuä! (Herbert!? Herbert!! Hier ist einer von der Reparatur!) Bring doch mal den Kolbenschlüssel! Sie wandte sich zu mir und erklärte: Der iss mir zu schwejä.
Ihr Kollege brachte einen gewaltigen Schlüssel für riesige Sechskantmuttern. Ich hätte nicht glauben sollen, dass solch Ungetüme existieren. Doch ich schleppte den 15 Kilogramm schweren Schlüssel in die Reparaturhalle. Sekunden später wusste ich, dass auch in der Werkzeugausgabe auf meine Kosten gelacht wurde, dass der Schlüssel vor Jahren angefertigt wurde, um Lehrlinge zu foppen.

Gab es eine Verbindung zwischen dem Schlüssel, der Trennblattbestellung und dem Reinfall, den ich auf einer Erdgasbohrung erlebt hatte, dem Anfang einer einjährigen Kurzkarriere im Bohrgeschäft, die mir später jedoch nützte, als ich zum Gülle-Lothar wurde (Sturmfeld-Leser wissen Bescheid).
Bohrgut und Schwerspat setzten sich in einer meterbreiten Rinne aus dem Bohrschlamm ab, wenn er aus dem Bohrloch gepresst wurde. Ich hatte das abgesetzte Gemisch aus der Rinne zu schaufeln. Rückwärts arbeitete ich mich durch die Rinne, bis ich in einem metertiefen Absetzbecken landete und die braungraue Bohrspülung meine Stiefel füllte. Dass solche Becken der Rinne zwischengeschaltet waren, um die Feststoffe aus der Spülung aufzufangen, hatte ich nicht beachtet. Seitlich hinter mir erscholl brüllendes Gelächter. Die Bohrarbeiter saßen wie die Hühner auf einem Stahlrohrgeländer, winkten, hielten sich die Bäuche oder klatschten ihre Schenkel. Erst durch das schadenfrohe Gelächter merkte ich, dass sich die Arbeiter hinter meinem Rücken versammelt hatten, um meine Landung in der Bohrspülung mitzuerleben.

Vielleicht gibt es Trennblätter tatsächlich, dachte ich, nur ich weiß nicht, welchen Nutzen sie haben. Wenn es sie gibt, bleibt die Frage, was Blätter voneinander trennen können?

Waren sie eine Erfindung der Arbeitgeber? Dann stand auf ihnen:

Arbeitnehmer,
wenn du uneffektiv arbeitest,
die Pausen nicht einhältst,
es dir an Loyalität zum Unternehmen mangelt,
werden wir uns von dir trennen!

Die Blätter lägen zwischen den Papieren in Akten, die oft benutzt wurden und in jedem Arbeitsraum hinge ein Exemplar an der Wand gegenüber dem Schreibtisch oder der Werkbank. Die Zettel hätten auch Denkdran-Zettel heißen können, doch die Bezeichnung Trennblätter hatte dieses Einschneidende, gar Zerschneidende, Schmerz verbreitende, Endgültige: Getrennt ist getrennt. Da lässt sich nichts mehr flicken. Eine Operation steht nicht in unserer Macht.

Hatten die Blätter mit Scheidungen zu tun? Gab es eine Mode, die ich nicht kannte, wonach getrennt Lebende einander Vordrucke schickten, auf denen sie unterschiedlichste Forderungen erheben konnten? Findige Geschäftemacher hatten Anwaltstexte in verständliches Deutsch übertragen, für jede Forderung mindestens ein Trennblatt. Auf jedem Trennblatt war auch ein passrechter Sinnspruch zu finden, hinterlegt mit beruhigenden Grüntönen.

Wer hatte denn gesagt, dass Trennblätter aus Papier hergestellt wurden? Bestanden verschiedene Sorten dieser Blätter aus getrockneten, gemahlenen Pflanzenteilen, die in einer Fabrik mit Wasser versetzt und zu Trennblättern gepresst und getrocknet wurden? So ähnlich, ohne die beiden letzten Arbeitsgänge, entstanden doch Säfte, warum also nicht Trennblätter. Natürlich war ihm sofort klar, dass diese Blätter die Grundlage der Trennkost waren, mit deren Hilfe Dickleibige versuchten, ihr Fett loszuwerden.

Konnten Besucher von Rockkonzerten oder sogenannten Volksfesten nicht mehr auf Trennblätter verzichten? Hüllten sich diese Leute in die Blätter, um andere Besucher nicht zu nahe an sich heranzulassen? Wollten sie ihre Kleidung schonen, die durch das Berühren der anderen hätte verschmutzen oder abnutzen können. Verkauften Veranstalter von Festen und Konzerten Trennblätter, auf die Reklame für die jeweilige Veranstaltung gedruckt worden war? Das wäre ein zweifaches Geschäft: Trennblätter verkaufen, mit der die Leute kostenlos für das Unternehmen Reklame liefen. Es wäre nichts Neues. Trugen doch die meisten Leute Kleidung mit Firmenaufschriften.
Seit wann gab es die wandelnden Litfaßsäulen nicht mehr, Menschen, über die eine Pappsäule gestülpt wurde, auf der für irgendwelche Produkte Reklame gemacht wurde? Die Menschen in den Pappsäulen erhielten Geld, wenn auch wenig, für ihre Arbeit. Leute, die heute Kleidung mit Firmenzeichen tragen, bezahlen sogar dafür, als lebende Litfaßsäulen für Unternehmen zu werben, warum also nicht mit Trennblättern?

Da ich in einem Verlag angefangen hatte zu arbeiten, entschied ich mich für die Trennblätter mit Reklameaufdrucken, betrat die Materialausgabe und sagte: 100 Trennblätter für die Abteilung 14/3-afsch Ü (9). Ich erhielt beigefarbene Pappblätter im A-4-Format mit mächtig vielen Löchern an der linken Seite, waagerechten Linien und einer nummerierten Unterteilung des rechtes Randes. Ich schaute auf den Rand der Verpackung:

100 Stück Trennblätter
gelb mit schwarzem Liniendruck
Art.Nr. 95 10208100

Enttäuscht zog ich von dannen.

Sonntag, 28. Dezember 2008

An der Kasse im Selbstbedienungsladen

Supermarkt, Sonnabend, 27. Dezember, 11.32 Uhr.
Ich muss mich entscheiden, an welche Kasse ich den gefüllten Korb schiebe. Heute will ich alles anders machen, denn bisher gehöre ich zu den Kunden, die immer in der langsamsten Schlange auf den Platz am Laufband warten. Im Vorübergehen habe ich die Kassen eins und zwei ausgewählt. Dort sitzen Kassiererinnen, von denen ich weiß, dass sie schnell arbeiten. Kasse drei kommt nicht in Betracht. Die Kassiererin mit dem hochrotem Kopf und Schweißtröpfchen über der Oberlippe habe ich hier noch nie gesehen: Eine Aushilfe zwischen den Festtagen?

11.34 Uhr.
Ich habe auffallend unauffällig die Körbe und ihre Schieber an beiden Kassen gemustert. Vor dem Laufband an Kasse eins stehen zwei hochgefüllte Einkaufskörbe. Das muss noch nichts heißen, sage ich mir. Durch Kleinkram getarnt sind die zwei Getränkekisten kaum in dem vorderen Korb zu erkennen. Doch ich weiß, die Kisten sind schnell abgerechnet. Der Kunde ist schneller an der Kasse vorbei als ich mit meiner Halbfüllung. So wäge ich Korbinhalte darauf ab, wie flink die Kassiererin sie bezwingen kann. Kleinkram kostet viel Kassierzeit.

Doch ebenso ist jeder Kunde ein Risiko für schnellen Korbvorschub. Männer um die 50 mit gutem Einkommen können zur Korbbremse werden, wenn sie die Weinflaschen auf das Förderband stellen statt sie zu legen. Aber schließlich soll jeder Schlangesteher ruhig sehen, dass er sich 18 Euro-Wein leisten kann. Dass umfallende Weinflaschen große Schweinereien und damit Dauerstockungen verursachen können, ist dem Besserverdiener egal. Er hat die Kasse dann fast hinter sich. Hinzu kommt, dass Besserverdiener umständlich mit Karten zahlen und die Waren ungeschickt einpacken. Sie tun es eben nicht so oft.
Ältere Damen zahlen meist bar. Doch vorsichtig bin ich immer, wenn die Dame eine stärkere Brille trägt. Diese Frauen neigen dazu, das Kleingeld aus ihrem Portemonnaie auf den Kassentisch zu schütten: „Schauen Sie doch mal, ob sie was herausfinden.“ Ältere Ehepaare dagegen packen nach dem Kassieren wie gehetzt die Waren wieder in den Korb. Sie beschleunigen die Schlangen.

11.36 Uhr.
Ich will den alles entscheidenden Augenblick nicht länger hinauszögern. Heute stelle ich mich an die Schlange vor Kasse zwei, von der ich annehme, sie sei die langsamere. Am Schlangenende ein gefüllter Korb ohne Herrchenfrauchen. Als die Schlange vorrückt, umfahre ich den verwaisten Korb. Sekunden später spricht mich eine rundliche, kleine Frau an: "Haben Sie geschoben meine Wagen?"
Eine Polin? Wahrscheinlich.
Ich schaue sie an, hole langsam Luft und höre mich antworten: "Nein, habe nicht geschoben ihre Wagen."
Sie sagt nichts, ich auch nicht. Was sollte ich auch sagen? Ich habe über die Schlangengeschwindigkeit nachzudenken und bleibe bei meinem Entschluss: Ich deute alle Vorzeichen und bleibe in der langsameren Schlange. So werde ich schneller sein. Ich visiere die Dame auf gleicher Höhe in der Nachbarschlange an.

11.47 Uhr.
Mit meiner neuen Taktik mache ich das Rennen in Schlange zwei. Locker ziehe ich an der Frau an der Nebenkasse vorbei. Als ich erleichtert aus der Halle verschwinden kann, muss meine Vergleichs-Dame noch zwei Kunden abwarten.

Ich werde einen Wettkampf daraus machen. Finde ich willige Wettkämpfer, veranstalten wir ein Rennen in Super-Zeitlupe.

 
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