Posts mit dem Label Holl werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Holl werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. März 2009

Der Turm auf dem Dach (2)

Sie wissen noch, dass Uwe Holl mir alles Mögliche erzählte, aber die Geschichte vom Turm auf dem Dach nicht zu Ende brachte. Ich meine, er wollte sie nicht weiter erzählen und hatte wohl gehofft, ich würde vergessen, danach zu fragen. Da kennt er mich aber schlecht. Natürlich wollte ich das Ende wissen, sie vielleicht auch. Hier ist es:

Der Turm auf dem Dach (2)

Wir saßen an einem Freitagvormittag seit sechs Uhr in dem Turm auf dem Dach des Hauses der Ministerien und uns war nach Kaffeetrinken zumute. Wir riefen die Streife herbei.

Vom Dach konnten wir weit nach Westberlin hineinsehen. Dort gab es zwar nicht viel anzuschauen damals, aber es war der Westen. Ich schaute über den Leipziger Platz mit dem Abgang zur U-Bahn, konnte weiter nach rechts das Brandenburger Tor sehen, mit dem Ministergarten zwischen Leipziger Straße und Tor, in dem heute die Landesvertretungen stehen.
Wir hörten das Klappern und Scheppern auf dem Dach - die Streife erlöste uns für eine Weile.

Während wir nach ausgiebigem Toilettengang geruhsam Kaffee tranken, passierte dies:

Ein junger Mann hatte sich aufgemacht, nach Westberlin zu flüchten, bei strahlendem Sonnenschein, an einem Freitagvormittag, nicht zu fassen. Die Streife hatte ihn beim Übersteigen des Hinterlandzaunes an der Wilhelmstraße entdeckt und es sogleich gemeldet. Der Bursche schlenderte am Haus der Ministerien vorbei in aller Ruhe gen Mauer. Nirgendwo im Grenzabschnitt war die Entfernung zwischen Hinterlandszaun und Mauer größer. Grenzede hatte 500 Meter zu schlendern. Sein Fehler: Er konnte keinen Postenturm entdecken. Der Zugführer gab dem Postenpaar im Bahnhof Potsdamer Platz den Befehl, aus dem Untergrund aufzutauchen und den Mann festzunehmen.

Er schlenderte ihnen direkt in die Arme, als sie die Stufen der U-Bahnstation emporliefen. Der Mann hatte keine Ahnung, dass auch vom Haus der Ministerien während der gesamten Zeit eine Kalaschnikow auf ihn gerichtet war.

Der Postenführer rief: "Halt an! Brauchst keine Angst mehr vor uns zu haben!" Er betonte das "uns". Er wusste, nun würde der Mann verhört werden und musste ins Gefängnis.
Hier hätte er sterben können. Erst wenn er aus dem Grenzgebiet haraus war, würde er sich ängstigen.

Sonntag, 15. Februar 2009

Die Besucherin

Nun war ich noch einmal in Stralsund, um Uwe Holl zu besuchen. Der Grund war Heli Anthus, eine der wenigen treuen Leserinnen meines Blogs. Sie fragte:
Sind Sie der Einzige, der ihn besucht? Als Sie in seiner Wohnung auf der Insel noch mit ihm sprachen, wurden Sie doch einmal von ihm fortgeschickt, weil er Besuch erwartete. Haben Sie nie erfahren, wer das war?

Tatsächlich hatte ich Holl nicht danach gefragt. Ich war so sehr mit seinen Erinnerungen beschäftigt, dass ich nicht daran dachte. Außerdem meinte ich, dass der Tod seiner Frau ihn noch zu sehr beschäftigte.

Ich gab die Anthusschen Fragen an Holl weiter. Er war ein wenig knurrig, wollte nicht antworten, sondern wich aus. Er sagte: "Das ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, in der Vergangenheit zu bleiben?"
Ich antwortete, ich wüsste von dieser Abmachung nichts. Außerdem sei das nicht Journalisten-Neugier.
"Was dann, Mitleid, weil ich keinen Besuch außer unseren Fragestunden bekomme? Niemand braucht mich zu bemitleiden."
"Es ist Mitgefühl, Herr Holl, nicht Mitleid."
"Na, nun mal keine Haarspaltereien."

Ich fragte einfach geradeheraus weiter: "Wer besucht Sie denn außer mir?"
"Sie können aber auch keine Ruhe geben. Nunja, Frau Anders von der Volkssolidarität kommt manchmal vorbei. Sie rückt ja allen Rentnern in Koserow auf die Pelle, denkt, sie müsse sich um alle kümmern."
Klar, Astrid Anders, die Kleine, die Flinke, die Verführerin mit Speis und Trank. Wer die Sturmfeld-Geschichte kennt, weiß, dass sie sich mir mit ihrem Fahrrad in den Weg stellte, als ich einen Termin mit Holl hatte, dem ich zu früh vor der Tür stand und deshalb noch Richtung Steilküste spazierte. Astrid Anders, so eine, der niemand entgeht, nicht einmal Uwe Holl, der Knurrhahn.

Ich sagte: "Frau Anders kenne ich ganz gut. Sie brachte mir die Termine für die Rentnerveranstaltungen und lud mich auch immer gleich ein."
Holl lächelte und antwortete: "Ja, das kann sie gut" und nickte mehrmals ganz leise in sich versunken.
Genau das war der Augenblick, in dem mir das bekannte Licht aufging: Holl, du alter Gauner, du hattest dich vor unsrerem Termin mit Astrid Anders unterhalten, von wegen, da kommt so ein Presseheini, der mich ausquetschen will. Kann ich den reinlassen? Und die flinke Runde wird ihm geantwortet haben, sie hätte keine schlechten Erfahrungen mit mir gemacht. Da hat er sich für die Gespräche entschieden. Ich habe das alles der Frau Anders zu verdanken!

"Na, Merten, schwillt Ihnen die Brust? Passen Sie auf, dass die Hemdknöpfe nicht wegfliegen", sagte Holl und schaute mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an, skeptisch eben. Ich hatte mich tatsächlich gereckt und tief eingeatmet. Mensch, bist du stolz darauf, von Rentnern anerkannt zu werden? Ja, bin ich, wenn ich bedenke, wie enttäuscht Holl von meinem Ex-Chef Behr war, der Holl auf fiese Art hatte abblitzen lassen.

"Nicht ablenken, Herr Holl. Frau Anders besucht Sie manchmal im Gefängnis, weil sie Sie auch in Koserow besucht hatte. Geht die Solidarität der Volkssolidarität so weit?"
Holl sagte: "Die der Volkssolidarität wohl nicht, die der Frau Andres sehr wohl."
Ich schaute ihn nur an. Jetzt frage ich nichts, sondern versuche, ihn durch schweigen zum Reden zu bringen.
Vielleicht verging eine Minute. Dann endlich sagte er: "Sie lassen ja doch nicht locker. Von einer Frau geschieden, eine zu Grabe getragen, da wird man vorsichtig mit neuen Verbindungen; Astrid auch. Sie hat ihren Mann betreut, bis er sich endgültig zu Tode gesoffen hatte. Das dauerte mehrere Jahre. Es muss furchtbar für sie gewesen sein. Sie erzählt nicht viel davon. Zum Schluss hat sie nur noch Kotze weggewischt, gewindelt, und natürlich hat sie gewaschen, ihren Mann und die viele Dreckwäsche. Aber sie hat zu ihrem Mann gehalten, bis zum Ende. Das wollte sie so oder anders nicht noch einmal durchmachen. Deshalb haben wir immer ein wenig Abstand zueinander gehalten und haben vermieden, den Alltag in unsere Beziehung einziehen zu lassen. Logisch, dass wir nicht zusammenzogen. Und trotzdem hält sie nun zu mir, obwohl ich noch eine Weile im Knast zubringen werde. Das ist schon schön."
"Bei guter Führung kommen Sie doch früher wieder raus." Warum ich das sagte, weiß ich immer noch nicht.
Holl meinte nur: "Aber zwei Jahre muss ich absitzen und die Zeit bis zum Lebensende scheint immer schneller zu vergehen. Wenn das so weitergeht mit Astrids Besuchen, könnte es doch noch enger werden mit ihr, wenn ich hier wieder raus bin."
"Dann hat es auch sein Gutes, im Stralsunder Knast zu sitzen?"
"Ja Sie nun wieder! Witz, komm raus." Nach kurzer Pause sagte er noch: "Aber im Grunde haben Sie Recht."

Holl erzählte mir an diesem Tag noch eine Geschichte von der Grenze, wie er auf dem Potsdamer Platz einen Grenzede nicht festzunehmen brauchte, weil Holl gerade auf der Toilette war.

Sonntag, 8. Februar 2009

Der uniformierte Grenzgänger

Uwe Holl berichtete mir, wie er zum einzigen Mal in seinem Grenzerleben jemanden festnahm. Es war ein ganz besonderer Gefangener.

Der uniformierte Grenzgänger

Streife laufen war eine beliebte Abwechslung vom Postendasein auf den Türmen - bei gutem Wetter. Das System, wann wer Streife zu laufen hatte, habe ich nie begriffen. Ich hatte höchstens zwei Dutzend Mal Streifendienst. Einige Kameraden waren ständig zum Streifendienst eingeteilt.

Das Erlebnis Friedhofstreife kennen die Sturmfeld-Leser schon: nachts, bei Frost und Schnee und mit dampfender Grube war sie eine Dauerbelastung.

Anstrengend unter höchster Anspannung waren die Nebelstreifen. Ausgerechnet nach dem Nachtdienst wurde ich mehrmals völlig übermüdet in den Nebel geschickt, ich glaube, nach sehr kurzer Ruhepause. Im Nebel in der Mitte eines Grenzabschnittes konnte ich keinen der beiden Postentürme sehen.
Klar, wir waren angemeldet. Aber wussten wir, wie gut oder schlecht die Posten auf den Türmen geschlafen hatten? Ich kannte einige Kameraden, die grundsätzlich zu Dienstbeginn auf dem Turm die Kalaschnikow durchluden und sicherten, um möglichst schnell schießen zu können - entsichern und abdrücken. Wurde der Turm im Nebel erkennbar, hatte ich jedes Mal ein mulmiges Gefühl.
Aber ist ja alles gutgegangen, kam auch niemand aus dem Nebel gen Mauer geflitzt. Nach Nachtschichten brannten mir die Augen bis zum Einschlafen. Nach anschließender Nebelstreife brannten die Augen den ganzen Tag, so stierten wir in den Nebel.

Und dann kam die Streife in einer Straße hinter der Charité. Es war die schmalste Stelle zwischen Bebauung und Mauer. Die Mietskasernen waren leergezogen. Zwischen ihnen und der Mauer waren nur der Gehweg, die Straße und der andere Gehweg. Der war mit Sand bedeckt, um eventuelle Grenzdurchbrüche mit Spuren belegen zu können, falls die Posten geschlafen hatten. Vor der Mauer waren Gitter ausgelegt, die wie umgedrehte Eggen aussahen. Wer dort rauffiel ... Bei dem Gedanken zieht sich heute noch mein Kontraantlitz zusammen.
An einem Ende der Straße stand ein Postenhäuschen aus Holz zu ebener Erde. Der gegenüberliegende Posten war hinter der Häuserfront, weil die Grenze dort einen Bogen machte. Damit war auch klar, wer für welchen Abschnitt zuständig war. Außerdem war ausgeschlossen, dass sich die Posten gegenseitig beschossen, sollte Grenzede kommen. In der Mitte des Straßenabschnittes stand auf westlicher Seite ein Hochstand vor einem Eisstadion. Von dort wurden wir mit Westmusik berieselt, eine höchst willkommene Ablenkung.

Ich wurde mit meinem Posten bekannt gemacht, einem Hundeführer. Doch er machte sich erst einmal mit mir bekannt, indem sein Schäferhund mich wie aus dem Nichts ansprang. Es war ein Scherz des Hundeführers, wie er sagte, "bloß zum Angewöhnen".
Die Köche, die Hundeführer, die wir Dackellenker nannten und die Kanalkontrolle, die das Abwassersystem kontrollierte und die für uns Gullyrutscher waren, dienten in einer gesonderten Kompanie.
Klaus, der Hundeführer, kannte jedes Haus genau. Er hatte sie schon oft durchstöbert. Ich hatte keine Ahnung. Wir durchsuchten durch die leergezogenen Wohnungen, schauten aus den leeren Fensteröffnungen Richtung Charitégelände. Es waren Heime oder Dienstwohnungen, ich weiß es nicht mehr genau, in die wir schauten und deren Bewohner uns unvergessliche Erlebnisse bescherten. Ich weiß, das war gemein. Außerdem hätte Grenzede während dieser Zeit leichtes Spiel gehabt.

Als wir auf die Straße hinaustraten, kamen uns zwei Uniformierte entgegen, Grenzer? Als wir nahe genug waren, rief ich das Pärchen an. Sie sollten die Parole nennen. Für jeden Grenzdienst wurde eine neue Parole erfunden. Wer sich die wohl immer ausdachte?
Unbeirrt kamen die beiden auf uns zu. Ich rief erneut nach der Parole. Nichts, sie gingen einfach auf uns zu, als wären wir Luft.
Noch 15 Meter.
Ich konnte nun die Gesichter gut erkennen, keines war mir bekannt. Das war bedrohlich.
Jetzt hatte ich die Nase voll. Ich riss die Kalaschnikow von der Schulter und rief: "Halt! Stehen bleiben oder ich schieße!"
Ich schaute kurz zum Hochstand, doch der war nicht besetzt; es war also kein abgesprochener Fluchtversuch. Die Uniformierten waren keine zehn Meter mehr entfernt. Ich entsicherte, lud durch und schrie: "Halt!"
Noch zwei Meter!
Da schoss neben mir der Schäferhund los auf den vorderen Uniformträger, knallte die Vorderläufe auf die Schultern des Mannes und ich brüllte: "Hinlegen! Beide Hinlegen!"
Endlich gaben sie nach und legten sich auf das Kopfsteinpflaster.

Der Posten im Holzhäuschen hatte in der Zenrale Bescheid gegeben, dass wir jemanden festnahmen.
Es ging blitzschnell, dass der Trabi heranraste. Da ich den beiden auf dem Boden "Schnauze halten, kein Ton jetzt" empfohlen hatte, erfuhr ich jetzt erst vom Zugführer, dass wir den Kompaniechef der Dackellenker und Gullyrutscher und einen seiner Unteroffiziere festgenommen hatten. Am liebsten hätte ich beiden in den Hintern getreten. So, wie sich gerade erhoben, hätten sie gleich wieder langgelegen.

Klaus und ich wurden später abgeholt. Ich fragte ihn: "Warum hast du denn deinen Hund auf deinen Kompaniechef losgelassen?"
"Weil er ein Arsch ist. Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Vorbeimarsch für mich war. Die können uns doch nichts. Schließlich ist erledigt, wer die Parole nicht sagt."
"Stimmt. Hätte sein können, dass er gar keinen Dienst hat und abhauen wollte."
"Wie bescheuert der ist, siehst du schon daran, dass er dieses Theater genau vor einem Hochstand spielt. Mann, wenn das drüben einer mitbekommen hätte - das Eisstadion wäre leer und der Hochstand voll. Und wir ziehen hier so eine Show ab."
Mir fiel ein: "Und dann noch einer mit 'nem Fotoapparat und wir demnächst mit dem Bekloppten in der BILD-Zeitung. Schönen Dank!"
"Ohgott, haben wir Schwein gehabt.!
"Und dein Ko-Chef erst mal. Der könnte jetzt tot sein."
"Oder er hätte einen zerbissenen Unterarm."

Was der Hauptmann gemacht hatte, war verboten: Verdeckte Kontrolle war untersagt, also das Anschleichen an Posten oder solch ein Quatsch, den der Hauptmann gemacht hatte. Das war auch verdeckte Kontrolle. Die war lebensgefährlich und deshalb verboten.
Wie mir Klaus erzählte, war des Ko-Chefs Hobby die verdeckte Kontrolle gewesen. Einmal war schon auf ihn geschossen worden, als er sich über einen Hinterlandsmauer zurückziehen wollte. Eine Kugel soll einen seiner Hacken gestreift haben. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Klaus verbürgte sich dafür, obwohl er nicht dabei gewesen war. Vorstellen konnte ich es mir seit meiner Begegnung mit dem Kerl allemal.

Warum er den Mist genau vor dem Hochstand abzog, konnte ich nicht verstehen, auch nicht, warum er es überhaupt tat. Viel los war in seinem Koppe wohl nicht.
Ich erhielt am nächsten Tag vor 30 feixenden Soldaten meiner Kompanie einen Dank vor der Front, weil ich richtig und der Hauptmann falsch gehandelt hatte.

Angst hatte ich während der gesamten Begegnung mit dem Hauptmann nicht verspürt. Ich hatte sogar den Hundeführer an meiner Seite vergessen, bis er den Hund auf seinen Kompaniechef hetzte.
Ich kann mir das bis heute nicht erklären, denn die Angst kam danach, immer, wenn ich Streife lief. Bloß gut, dass das nicht oft vorkam.

Montag, 19. Januar 2009

Beinahe Maueropfer

Uwe Holl sagte mir, es habe ihn von Anfang an gewundert, dass immer von Maueropfern geredet wurde und jene gemeint waren, die in den Westen abhauen wollten und genau wussten, dass nicht mit Schneebällen nach ihnen geworfen werden würde, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Uwe Holl verblüffte mich mit dem Satz: "Beinahe wäre ich auch ein Maueropfer geworden."
"Was? Haben Sie nach der Zeit als Grenzer Ihr Wissen nutzen wollen?"
"Witzig! Wer aus dem Hinterland kam, um über die Mauer zu klettern, wurde fast immer geschnappt.
"Sie meinen, tot oder lebendig."
"Ja, ist doch klar. Ich hätte nach meiner Grenzerzeit niemals versucht, über die Berliner Mauer abzuhauen, gerade weil ich an der Grenze war und das Risiko bestens kannte. Nee, bin doch nicht lebensmüde. Abhauen war nur während des Grenzdienstes möglich und das an wenigen Stellen und bloß, wenn der zweite Man mitmachte."
Er holte tief Luft, schaute mich an und sagte: "Oder wer abhauen wollte, musste den zweiten Mann umbringen. Hätte ich niemals gemacht, kam aber vor, selten, Kameraden von hinten abgeknallt, habe ich ja schon in Koserow erzählt. Deshalb war das Streifelaufen als Posten vor dem Postenführer jedes Mal eine furchtbare, stundenlange Anspannung."

"Und so wären Sie beinahe Maueropfer geworden?"
"Neinnein, das war anders."

Hier die Geschichte:

Beinahe Maueropfer

Es war in einem langen, ziemlich geraden Abschnitt in Berlin-Mitte. Dort wurde tagsüber der Grenzzaun abgebaut und die Mauer aufgestellt. Die Mauer wurde nämlich bis auf winzige Bereiche nicht 1961 gebaut, sondern bis in die 70-er Jahre hinein. Das längste Stück war jahrelang ein Stacheldrahtzaun oder Sreckmetallzaun geblieben.

Wenn die Pioniere ihren Dienst erledigt hatten, blieb immer ein Übergang zwischen eingerolltem Zaun und der Mauer. Ein ganz Verwegener hatte das wohl gesehen und meinte, zwischen Mauer und Zaun bestünde eine Lücke, durch die er sich nach Westberlin zwängen könnte - ein Irrtum. Da passte kein Hänfling durch.

Es war lange nach Mitternacht, als rechts von meinem Postenturm Schüsse krachten. Mein Posten und ich sahen das Mündungsfeuer vom Nachbarturm, und auch am Klang erkannten wir, dass mit einer Kalaschnikow geschossen wurde. Es folgte das Leuchtsignal für Grenzdurchbruch Ost-West. Das war die endgültige Gewissheit darüber, was unsere Nachbarn gerade durchmachten. Aber wir konnten niemanden erkennen, der sich in den Westen aufmachen wollte.

Nur alle 20 bis 30 Sekunden krachte ein kurzer Feuerstoß, drei, vier Schuss. Was sich wie ein Echo anhörte, war keins. Es waren einzelne Einschläge in unserem Postenturm. Wir wurden von unseren Nachbarn beschossen. Grenzede musste genau zwischen unserem und dem Nachbarturm im Halbdunkel liegen. Wenn unser Nachbar schoss, tat die Kalaschnikow, was sie immer tat, sie zog hoch. Das heißt, wurde die Waffe nicht richtig festgehalten, flog jedes Geschoß über dem vorigen durch die Gegend.

Ich brüllte meinen Posten und mich an: "Kopf runter, Helm auf." Schon waren wir auf den Knien, Helm auf, Riemen festziehen. Und was nun? Was, wenn in unserem Postenbereich ein Kumpel von Grenzede in Richtung Zaun rannte? Solange wir im Turm knieten, konnten wir natürlich nichts beobachten. Ich meldete, dass wir beschossen wurden.
Die Antwort: "Wir sagen Bescheid. Trotzdem beobachten."
"Ja, schönen Dank", schrie ich den Zugführer durch das Grenzmeldennetz an.
Meinem Posten befahl ich, in Deckung zu bleiben.
Ich stieg hinunter, stieß die Blechtür auf, die Richtung Hinterland aufging und sprang nach dem nächsten Feuerstoß um den Turm herum, dass ich ihn als Deckung zwischen mir und meinen Nachbarn hatte. So konnte ich wenigstens einen Großteil des Geländes überblicken.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort stand. Ich merkte jedoch bald, dass die Einschläge sich in Richtung Grenze verlagerten. Später wurde mir klar, dass Grenzede sich Richtung Grenzzaun vorarbeitete. Ich huschte in den Turm, brüllte hoch: "Beobachten, das Schlimmste ist vorbei" und stieg hinauf.

Nun konnte ich mir einen Überblick verschaffen, auch auf den Hochstand in Westberlin. Dort hatten sich US-Soldaten mit gezogenen Pistolen, angelockt durch die Schießerei postiert. Da der Grenzede sich vorgearbeitet hatte, geriet er immer mehr in das Licht der Lampen und auch ich konnte ihn nun erkennen. Er lag zwischen den Panzersperren, diesen zusammengeschweißten Abschnitten von Eisenbahnschienen. Immer, wenn er ein paar Schritte vorpreschte, schoss unser Nachbar über seinen Kopf hinweg. Grenzede ging wieder in Deckung. So ging das nun schon die ganze Zeit. Mitunter hörten wir die Querschläger zwitschern. Wenn Grenzede so weitermachte, konnte er in einer Minute am Zaun sein und die Leute auf dem Nachbarturm hätten ein Problem: Sie hätten durch den Zaun in den Westen schießen müssen, um den jungen Mann zu stoppen.

Endlich kam die Streife angeknattert, gleich danach der Zugführer. Er postierte sich genau gegenüber vom Hochstand, die Kalaschnikow vor der Brust. Drüben die Amis, die Pistolen bereit, hier der Zugführer. Zwischen dieser Grupe und dem Mann in der Panzersperre waren etwa 50 Meter Abstand. Ich konnte nicht verstehen, was er den Amis zuschrie. Als sie keine Anstalten machte, die Pistolen einzustecken, entsicherte er die Kalaschnikow und lud sie durch. Eine Patrone war im Lauf; er brauchte nur noch abzudrücken. Der Zugführer schrie zwar die US-Soldaten an, blieb aber gelassen. Es war nicht seine erste Begegnung dieser Art, aber meine.

Zur gleichen Zeit holte die Streife den jungen Mann aus der Panzersperre. Er hatte nichts bei sich, hatte geglaubt, sich zwischen Zaun und Mauer durchzwängen zu können, was völliger Quatsch war. Es hatte nicht einmal einen Streifschuss abbekommen und war nur deshalb so lange in der Panzersperre geblieben, weil er nirgends eine Lücke zum Durchschlüpfen finden konnte.
Mein Posten und ich hatten außer dem Schreck auch nichts abbekommen. Doch seit der Nacht fühlten wir uns als Beinahe-Maueropfer.

Die Amerikaner zogen unter Gezeter ab, als sie sahen, dass sie nichts ausrichten konnten.
Unsere Nachbarposten erhielten Sonderurlaub und maulten ein wenig, als ich ihnen am Tag darauf sagte, dass sie uns beschossen hätten, als ob wir abhauen wollten.

Warum ich das erzähle? Maueropfer waren nicht nur jene, die beim Versuch, die Grenzer auszutricksen an die Falschen gerieten.

Sonntag, 4. Januar 2009

Tod im Dunkel

Am 21. Dezember lasen Sie, dass ich Uwe Holl im Gefängnis besuchte. Er erzählte mir vom Mauerreiter. Vielleicht haben Sie es geahnt; es war nur zum Anwärmen. An der Grenze ging es nicht lustig zu. Uwe Holl erzählte mir auch diese Geschichte:

Tod im Dunkel

Versuchte Grenzdurchbrüche und solche die gelungen waren, wurden in den Grenzkompanien ausgewertet. Zusätzlich erfuhren wir manches, wenn wir im Ausgang Grenzer anderer Regimenter trafen.

Einer der begehrten Posten lag in einem Güterbahnhofgelände. Begehrt war der Postenturm, weil wir von dort aus ein modernes Wohnhaus mit zimmergroßen Fenstern beobachten konnten. Die Ferngläser waren ganz gut. Bekannt war eine Wohnung, in der nachts gegen drei Uhr eine Frau in ihr Wohnzimmer trat und sich dort auszog.
Das Irrsinnige war, dass sie sich dazu auf ein Sofa setzte, dessen Lehne zum Fenster gerichtet war. Das heißt, dass Licht ging an, wenn sie schon saß. Wir konnten also nur ihre Arme und Beine sehen und waren überzeugt, dass sie genau wusste, dass sie beobachtet wurde. Immerhin zog sie sich so elegant aus, dass wir alle annahmen, es müsse eine Tänzerin sein. Das Licht ging aus und niemand hat sie je aus dem Zimmer gehen sehen.

In einer Sommernacht wurde das Postenpaar an den Gleisanlagen aufgeschreckt, weil der Signalzaun auslöste. Eine Kontrolllampe leuchtete also auf dem Postenturm. Einer versuchte zu sehen, was dort der Auslöser war. Oft huschten Kaninchen durch den Zaun und drückten dabei die dünnen Drähte aneinander, was die Kontrolleuchte auslöste. Der Postenführer meldete, dass irgendetwas den Signalzaun ausgelöst hatte. Der Zugführer versprach, die Streife zu schicken.
Der Postenführer schoß mit der Leuchtpistole, um Sicht zu bekommen, denn zwischen den Gleisen war es stockdunkel. Nur der Streifen vor der Mauer nach Westberlin war beleuchtet - noch.

Im Licht der Leuchtkugel sah der Postenführer einen Mann Richtung Grenze rennen. Doch ehe der Posten schießen konnte, war die Leuchtkugel erloschen. Leuchtkugel nachladen, wieder schießen. Der Mann war weg. Im letzten Schimmer erkannten die Grenzer jedoch einen zweiten Mann, der über die Gleise gen Westen stolperte. Der Posten schoß einen Warnschuss ins Dunkel.

Die Streife kam und kam nicht. Deshalb entschied der Postenführer, den Turm zu verlassen und die beiden Grenzedes zu suchen. Er rechnete damit, die beiden im Gegenlicht der Mauerbeleuchtung als Schattenrisse zu erkennen. Doch die beiden Männer hatten sich hingelegt und warteten ab. Jetzt ertönten Schüsse von der westlichen Seite. Das war doch nicht möglich! War die Streife ihnen ins Gehege gekommen? müssen sie gedacht haben. Wie sollten die Grenzer in dem düsteren Kuddelmuddel die Streife von den Grenzedes unterscheiden?
Der Gedanke war vorerst überflüssig, denn die Schüsse kamen aus Westberlin, aus den Waffen von Polizisten. Sie schossen auf die Lampen der Lichtertrasse am Kontrollstreifen. Und sie trafen. Eine Lampe nach der anderen erlosch. Es wurde immer dunkler.

Nun muss den Posten Panik befallen haben. Er stürmte auf den Gleisen umher, hörte nicht mehr auf die Rufe seines Postenführers, muss dann fast auf einen der beiden Grenzedes getreten sein, der auswich und aufsprang. Beide standen sich drei oder vier Meter entfernt gegenüber. Der Grenzer schoss, noch ehe sich der Mann zur Grenze wenden konnte. Er schoss nicht einmal, sondern feuerte eine Dutzend Schüsse ab, die dem Mann den Brustkorb zerrissen.
Er schoss, weil er Todesangst hatte, obwohl oder weil er nicht erkennen konnte, ob der Mann bewaffnet war. Er soll eine zusammengerollte Strickleiter unter dem Arm getragen habe, mit Haken daran. Er wäre damit niemals über die Mauer gekommen. Vielleicht hat der Posten die Rolle unter dem Arm als Waffe gedeutet. Der zweite Grenzede wurde von der Streife gefasst, die gerade eingetroffen war.

Was für ein Dreck! Ein junger Mann tot, der nicht einmal die Chance hatte, über die Mauer zu klettern und dazu das Leben des Grenzers versaut, der sich bis zu seinem Tod nicht verzeihen wird, einen Mann erschossen zu haben. Was die Westberliner Polizisten angeht, hatten sie indirekt Anteil am Tod des Mannes. Wahrscheinlich wäre die Festnahme bei funktionierender Lichtertrasse ohne einen scharfen Schuss abgegangen, wenn die Lampen nicht zerschossen worden wären.

Wozu das alles? Es war völlig irrsinnig. Ich muss gerade an Peter denken, den Bäckergesellen, von dessen Tod während einer Schießübung.
(Sie wissen nicht, wer Peter ist? Lesen Sie im "Sturmfeld " die Geschichte vom Bäckergesellen mit der rachitischen Brust nach.)
Heute glaube ich, dass es ein Schicksal geben kann, oder eine Fügung. Es ist, als hätte der zukünftige Grenzer Peter dafür sterben müssen, dass ein anderer Grenzer Monate später einen Grenzede erschießen wird. Beide starben nachts, beide mit zerrissener Brust.

Nur wenige Bekannte konnten verstehen, dass ich nie wieder an die Grenze wollte, dass ich alles Militärische bis heute und für immer hasse. Ich war Familienvater, als ich als Reservist noch einmal an die Grenze sollte.
"Da gehe ich nicht wieder hin", antwortete ich damals. Die Leute vom Wehrkreiskommando schauten sich und dann mich verdattert an.
Ich erklärte ihnen, dass ich eine Familie habe.
"Ja und?", fragte mich einer der Offiziere.
"Entweder wissen Sie nicht, was an der Grenze los ist, oder es ist Ihnen egal. Ich gehe jedenfalls nicht mehr hin. Wenn Sie Kanonenfutter brauchen, schicken Sie die 18-Jährigen hin, die weder Frau noch Kinder haben und die nicht wissen, was ihnen an der Grenze passieren kann. Ich möchte weder jemandes Leben auf dem Gewissen haben noch mich abknallen lassen."
"Das ist eine Ausrede, wird Ihnen nicht helfen."
"Nein? Wann soll ich denn dort hin?"
"Im Frühjahr."
"Dann kann ich sowieso nicht. Ich bekomme eine größere Wohnung. Oder können Sie mir garantieren, dass ich zum Umzug Urlaub erhalte?"
"Nein."
"Sehen Sie, dann wird nichts draus."
"Bringen Sie uns eine Bestätigung über den Umzugstermin."
"Mach ich."

Dem Vermieter trug ich mein Anliegen vor. Offensichtlich wollten auch die Leute, dass ich zum Reservedienst eingezogen werde. Ich bekam keine Bestätigung, sondern sie boten mir eine Wohnung an, in die ich sofort ziehen konnte.
So bekam ich früher eine Wohnung, die sogar ein Zimmer größer war als die beantragte, und an die Grenze musste ich nie wieder.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Der Reiter

Mein Erster Besuch im Gefängnis! Am liebsten nie wieder! Doch bei Gelegenheit werde ich Uwe Holl erneut besuchen.

Ich staune, wie gelassen Holl ist. Nur die Bäume vor dem Fenster und das Rauschen der See fehlten ihm, gab er zu. Ich nickte nur und dachte: Ganz schön viel, was da fehlt, Holl.

Ich muss ihn wieder besuchen. Im August erzählte er mir, warum er seinen früheren Zugführer auf der Koserower Seebrücke fast totprügelte. Es war leicht zu erahnen, dass noch viel mehr Geschichten zu der Tat führten.

Holl erzählte Geschichten, von denen ich noch nicht einmal etwas ahnte. Er erzählte aus seinem Grenzerleben an der Berliner Mauer. Ich bekam mal eine Gänsehaut, weil es fast unerträglich war, woran Holl sich erinnerte, mal musste ich lachen. Es gibt nur wenige, die diesen Teil der DDR-Geschichte kennen.
Aus all den Gründen will ich ihn wieder besuchen. Vielleicht könnte ich ihm dann Meeresrauschen vom Diktiergerät vorspielen, aufgenommen vor seiner Wohnung in Koserow. Nur die Bäume, woher soll ich Bäume nehmen?

Heute erzähle ich zum Angewöhnen eine Geschichte nach, die mich um Lachen reizte, den einsitzenden Rentner Holl nicht.

Der Mauer-Ritt

Die Berliner Mauer war etwa 3,7 Meter hoch. Auf die Mauer waren Betonrohre montiert worden, etwa 50 bis 60 Zentimeter im Durchmesser. Es hatte nur einen Zweck, es sollte das Überwinden der Mauer erschweren. Doch mitunter wurde das Rohr missbraucht.

Ein Sonntag Vormittag im Frühling ging in die Mittagszeit über. Die Sonne stand hoch und blendete uns im Postenturm. Mitten im Erzählen über seinen Traktor, den nun Kollegen aus dere LPG fuhren - wer weiß, was sie mit der Karre anstellen - stockte mein Posten. Posten und Postenführer saßen sich stets schräg gegenüber, um den Postenbereich und einander beobachten zu können. Kaum etwas an der Grenze war schlimmer, als jemanden mit einer Kalaschnikow hinter sich zu haben. Mein Posten riss den Arm hoch, zeigte rechts an mir vorbei zum Kanten, so nannten wie die Mauer, und sagt leise: "Ich glaube, da guckt jemand über den Kanten." In dem Bereich gab es keinen Hochstand in Westberlin. Wie sollte da jemand über die Mauer ...? Im selben Augenblick war mir klar, was gerade passierte. Über die Sprechfunkanlage meldete ich dem Zugführer in der Zentrale: "Wolf, Wolf! Und hier ist der Iltis. Versuchter Grenzdurchbruch West-Ost. Eine männliche Person zu erkennen." Völlig idiotisch waren diese blöden Decknamen und genauso bekloppt war es, dass wir unsere Meldungen immer mit dem Wort "Und" begannen, eine Marotte, unausrottbar.
"Isser schon rüber?", kam die Rückfrage.
"Er guckt rüber. Entfernung etwa 120 Meter rechts vom Postenturm. Ich sehe Kopf und Oberkörper. Schätze, der steht auf einer Leiter."
"Die Streife ist schon unterwegs."

Ich schaute durchs Fernglas, mein Posten neben mir schaute sich fast die Augen aus dem Kopf.
Ich drehte mich kurz zu ihm und fuhr ihn an: "Umdrehen! Rechts und links und das Hinterland beobachten!" Ich schaute zu, wie der Mann hinter der Mauer verschwand. Wie im Kasperletheater, dachte ich.
Mein Posten trauerte nun nicht mehr seinem missbrauchten Traktor hinterher, sondern wollte wissen: "Warum darf ich nicht mitgucken?"
"Was ist, wenn der ganze Spaß nur ein Ablenkungsmanöver ist und 100 Meter entfernt Grenz-Ede gen Westen rauscht? Ich sag dir, was dann ist, dann rauschen wir nach Schwedt!"
Offiziell hießen sie Grenzverletzer, in unserem Regiment hieß jeder Grenzverletzer Ede.
"Is ja schon gut."
"Nein, ist es nicht. Gut ist es erst, wenn ich keine Uniform mehr anziehen muss. Bis dahin passt du auf wie ein Luchs."
"Sind wir heute nicht der Iltis."
"Noch ein Wort und du kannst was erleben. Gucken, Junge!"

Ich hatte geahnt, dass es noch nicht vorbei war. Der Mann tauchte wieder aus der Versenkung auf, sah, dass ich ihn durch das Fernglas beobachtete, winkte, grinste und schwang ein Bein auf das Mauerrohr. Scheiße, ein Mauerreiter, dachte ich.
Zu meinem Posten sagte ich: "So, jetzt wird es ernst. Er reitet auf der Mauer. Hoffentlich fällt er nicht zu uns rüber. Der verarscht uns, tut als wäre die Mauer sein Gaul."
Ich riss ein Fenster auf und brüllte den Mauerreiter an: "Hau ab! Verschwinde wieder! Los, zurück zu Mutti!"
Doch der Kerl tat als sei er taub. Ich riss die Leuchtpistole aus dem Futteral, drei Stern rot - in der Woche das Leuchtsignal für Grenzdurchbruch West-Ost - in den Lauf, zugeschnappt, aus dem Fenster gebeugt und schräg nach oben in Richtung des Mauerreiters geschossen. Weder der Knall noch das Zischen des aufsteigenden Geschosses beeindruckten ihn.

Er beugte sich Sekunden später in Richtung Westberliner Seite, dass ich dachte: Nun fällt er runter. Schön wärs gewesen! Als er sich aufrichtete, sah ich, wie er auf die Mauer gelangen konnte. Er zog eine Leiter zu sich herauf.

Ich schrie in die Sprechfunkanlage: "Wo bleibt die Streife? Er zieht eine Leiter hoch!"
"Die Streife ist gleich da."
Nun kippte er die Leiter in die Waagerechte. Ich brüllte zu ihm herüber: "Mach keinen Scheiß! Stell die Leiter zurück! Stell die Leiter zurück."
Zu meinem Posten: "Pass bloß auf! Wer weiß, für wen die Leiter gedacht ist?"
Wenn ich heute daran zurückdenke, wundere ich mich, dass ich keine Angst hatte; wahrscheinlich fehlte einfach die Zeit, um mich zu fürchten.

Der Kerl fühlte sich sicher. Er wusste, dass ich nicht schießen würde. Niemals über die Mauer hinweg in den Westen schießen, war ein Gesetz an der Grenze, denn nach Schießereien an der Grenze kamen Dutzende Westberliner Polizisten und suchten Gebäude nach Einschüssen ab. Fanden sie welche, gab es regelmäßig diplomatische Verwicklungen und anschließend Strafen für den Fehlschützen.

Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich konnte nur abwarten. Der Westberliner übernahm weiterhin die Initiative. Trotz meiner Schreierei kippte er die Leiter in unsere Richtung. Eine Sekunde später stand sie im Grenzgebiet, eine Einladung zum Abhauen.
Kann doch nicht sein, dass jetzt einer abhaut, am Sonntag Vormittag und der stellt ihm die Leiter an.

Auf dem Kolonnenweg kam die Streife im Trabant-Kübelwagen angeknattert. Meinem Posten befahl ich: "Du guckts nach links und Richtung Hinterland, ich nach rechts und hinten, klar?"
"Mann, ich krieg ja gar nichts mit."
"Wenn du jetzt nicht aufpasst, kriegst du nicht mit, wenn Grenzede angeflitzt kommt. Und dann bekommen wir beide gar nichts mehr mit, so schnell sind wir in Schwedt. Schluss jetzt mit dem Gemecker."
Und falls kein Grenzede kommt, weiß ich noch lange nicht, was der Mauerreiter in den Taschen hat. Ich legte die Kalaschnikow vor mich auf die Brüstung, einen Blick auf den Reiter, einen in Richtung Hinterland.

Jetzt war es an der Streife, die Reiterei zu beenden. Sie redeten auf den Reiter ein, der jedoch nun Anstalten machte, von der Mauer in den Osten abzusitzen. Jetzt brüllten der Streifenführer und ich um die Wette: "Bleib da, wo die bist!", und "Hau endlich ab, woher du gekommen bist! Zurück!"
Hastdunicht gesehen stand der Reiter auf der Leiter und damit auf DDR-Gebiet. Jetzt rückte die Streife vor und mir wurde mulmig: Was, wenn einer der beiden die Leiter bestellt hat? Ach, ist wohl Quatsch. Doch zugleich erinnerte ich mich an zahllose Pferde, die vor Apotheken ihren Mageninhalt zur allgemeinen Besichtigung freigegeben hatten. Bloß das nicht! und noch einmal, bloß das nicht.

Der Streifenführer stand nun am Fuß der Mauer, sein Posten hatte die Kalaschnikow im Anschlag, meine Waffe lag noch immer vor mir auf der Brüstung, meine rechte Hand auf dem Kolben der Waffe. Der Postenführer machte einen Satz zur Leiter, dann einen auf die zweite Sprosse, sprang hoch und riss den Reiter herunter. Die Streife griff den Reiter und schleppte ihn von der Mauer weg. Inzwischen raste ein zweiter Kübelwagen heran, später noch einer. Einer holte die Leiter von der Mauer.

Im selben Moment ertönte Protest hinter der Mauer: "Gebt uns die Leiter wieder. Der hat sie uns geklaut." Zwei Köpfe erschienen hinter dem Rohr auf der Mauer.
Nicht schon wieder.
Der Streifenführer schrie zurück: "Beweismaterial!"
Eine Zeitlang murrten die Bestohlenen und der Streifenführen schrie uns auf dem Postenturm zu: "Völlig besoffen!" und zeigte auf den einstigen Mauerreiter.
Dann wurde endlos gemessen und fotografiert. Meine einzige Sorge war nun, dass der Kontrollstreifen anständig geharkt wurde. Eine Fußspur darauf und ich hätte mich nicht mehr wiedergefunden. Fußspuren auf dem KS, naja, warum hieß er wohl Kontrollstreifen?

Nach unserem Dienst mussten wir die Geschichte zu Protokoll geben, weg war die schöne Freizeit - alles wegen eines betrunkenen Westberliners, der unbedingt auf der Mauer reiten wollte und dann nicht mehr West von Ost unterscheiden konnte.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Die Aufzeichnungen des Uwe Holl, alias Martin W. (8)

Teil acht der Aufzeichnungen des Uwe Holl, der sich in seinem Text Martin W. nennt.

VI. Ich besteige einen Berg und stelle Fragen


Am Morgen bin ich allein in der Hütte. Der Alte war nicht zurückgekehrt, von Marsha war ein Zettel geblieben: Ich bin bald zurück. In mir das große Gefühlsdurcheinander: Ist dem Alten etwas passiert? Fand er seinen Morgenwind? Sucht er weiter? Und Marsha? Sie war bei mir geblieben aber es war nicht alles gewesen. Jetzt war auch sie verschwunden. Wohin? Sie war immer am Abend gekommen, diese Lichtspur und was sind Abende ohne Tage?

Dieses Tal, das wie meine Heimat geworden war, ist nun bedrückend eng. Ich gehe vor die Hütte, der Morgennebel hat sich aufgelöst. Es ist Tag, aber die Sonne ist noch nicht über die Berge gestiegen. Ich schaue hinauf und mir ist, als wollten die Berge auf mich stürzen. Ich muß hinauf auf die Berge, weg aus dem Tal. Ich glaube, wenn ich von dort das Tal überblicke, wird Ruhe in mir einkehren, und ich mache mich auf den Weg. Und ich steige hinauf, das Klettern wird mir immer schwerer und ich denke: Berge, das sind himmelwärtige Schweißabforderer.

Endlich strahlt mir die Sonne entgegen. Ich gehe über eine große Wiese, um das letzte Stück Weg zum Kamm zu steigen. Mein Herz schlägt wild, das Atmen fällt schwer und je größer die Anstrengung, desto weniger werden die Gedanken an den Alten und an Marsha.

Ich bin auf dem Kamm angelangt, setze mich ins Moos und belauere meine Gedanken. So wie ich mich erhole von der Anstrengung des Aufstiegs, kehren die sie in mich zurück.

Ich schaue hinab in das Tal, sehe tief unten die Hütte aber die Gedanken sind mir neu: Was hast du hier, in diesem Tal, an diesem Fluß verloren? Wolltest du nicht bis zur Mündung? Hattest du nicht vor, neue Menschen in Hülle und Fülle kennenzulernen? Du kennst die Frauen aus dem Laden. Glaubtest, den Alten und Marsha zu kennen und beide sind dir davongelaufen und brauchen dich nicht, wenn es ernst wird mit dem Leben. Gibt es überhaupt jemanden, der dich nötig hat zum Leben? Wen brauche ich? Sicher, die Umgebung, die Menschen hier sind nicht jene, die ich bisher kannte, aber bin ich anders geworden?

Und Marsha: Ich war der Meinung, sie würde ihre Gefühle vor mir verbergen, aber wenn, dann vielleicht nur, weil ich selbst zu den großen Liebesvergrabern gehöre. Es schwebt keine Fee hernieder, kein Zauberer erscheint, mir drei Wünsche zu erfüllen. Kein Eremit ist weit und breit zu sehen, mich mit weisen Ratschlägen zu füttern.

Hinabsteigen.


Nachbemerkungen:

Diese Aufzeichnungen schrieb Uwe Holl unter dem Pseudonyn Martin W.

Den Titel dieser Schrift wählte ich. Die Kapitelüberschriften stammen von Holl.

Uwe Holl hat jede Erklärung zu der Geschichte abgelehnt. Ich solle sie nehmen wie sie ist, meinte er.

Aber ich habe Paul B. gefunden. Von ihm erfuhr ich, dass er, Paul B., mit Marsha A. zusammenlebt. Sie haben im Landesinnern, bei Demmin, einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb übernommen, Marsha A. erteilte mir keinerlei Auskünfte.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Was möchten Sie über Uwe Holl wissen?

In einer Woche lesen Sie das Ende der Geschichte von Uwe Holl, der sich lieber Martin B. nennt, vielleicht, um Abstand von seiner Vergangenheit zu gewinnen.

Inzwischen werde ich Uwe Holl im Stralsunder Gefängnis besuchen. So kurz vor Weihnachten kann das weder ihm noch mir schaden. Ich habe keine Ahnung, ob oder was Holl mit erzählen wird. Ich werde auch nichts mit ihm absprechen. Doch falls er keinen Anfang findet, werde ich ihm Fragen stellen.

Da fällt mir ein, dass Sie, die "Sturmfeld" kennen, einiges über Holl wissen, gern manches mehr über ihn wüssten. Stellen Sie Ihre Fragen im Kommentar; das können Sie auch anonym tun. Ich werde sehen, ob ich Ihre Fragen in mein Gespräch mit Holl einbauen kann.
 
blogoscoop