Freitag, 23. Oktober 2009

Arroganz und Ahnungslosigkeit

Erinnern Sie sich bitte an den Ausbruch der Vogelgrippe, an die jammernden Touristiker auf Rügen, an die dem Tamiflu hinterher Hechelnden, vor allem aber an die hilfreich der Pharmaindustrie zur Seite stehenden, weil die Angst schürenden, Medien.
Das alles macht unruhig und vermindert somit die Denkleistung. Was für ein Mist wurde nicht alles in die Welt gesetzt, auch von der Usedom-Rundschau! Wenigstens hatte ich mich an der Blödsinn-Schreiberei nicht beteiligt.

Wenn ich sehe, wie jetzt wieder wegen der neuen Grippe die Welt in Angst versetzt wurde und wird, fällt mir ein, was wohl gewesen wäre, wenn rechtzeitig ein Impfstoff gegen die Vogelgrippe entwickelt worden wäre. Wie jetzt wären Abermillionen Menschen geimpft worden. Und siehe, die Vogelgrippe hätte nur wenige Menschen weltweit zu Tode gebracht. Ich fürchte, das wäre der Impfindustrie und den Bonzen ein willkommener Anlass gewesen zu behaupten: Der Impfstoff hat seine Schuldigkeit getan.

Was um alles in der Welt schützt uns vor solchen Behauptungen, wenn die neue Grippe ähnlich mit uns verfährt wie es die Vogelgrippe tat? Doch nicht etwa die Medien?!

Das nur zum Nutzen von Medien, das zu jenen, die meinen, aus der Zeitung ... zu erfahren, was in der Welt los sei.

Ach, Thomas Schill will sich gegen die neue Grippe impfen lassen. Er wollte mir nicht verraten, was ihn dazu vor allem bewog, die Angstschürerei per Text oder die idiotischen Spritzen- oder Nadel-im-Oberarm-Bilder, die überall verwendet werden, als wüssten weder Schill noch ich, noch Sie, wie eine Spritze aussieht und wie geimpft wird.
 
Immer wieder Beispiele, die belegen, für wie blöd uns Medienvertreter aller Art halten. Eine gefährliche Mischung: Arroganz und Ahnungslosigkeit, deren Ergebnisse einige von Ihnen täglich kaufen.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Gut und Böse über Kreuz

Ein Lieblingsspruch der LINKEN stammt von John Steinbeck. Er geht so: »Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Gefühl sind in unserer Gesellschaft Symptome des Versagens. Dagegen sind Gerissenheit, Habgier, Gewinnsucht, Gemeinheit und Egoismus Merkmale des Erfolges.« Er hat recht.
Ich hatte es hier gefunden.

Wäre das eine Idee für eine Geschichte?:

Ein Gerissener, Gemeiner, Egoistischer macht Gewinn, weil er einen Ehrlichen, Verständnisvollen für seine Geschäfte missbraucht. Es gelingt dem Gerissenen, weil er eine Kinderfreundschaft wieder aufleben lässt.
Der Gerissene lässt den Ehrlichen andere Ehrliche ausnehmen, bis er merkt, dass der Gerissene ihn ausnutzt. Er kann sich aber nicht wehren, bis er darauf kommt, einen anderen Gerissenen anzustellen, der den ersten Gerissenen übers Ohr haut.
Doch dieses Wehren ist nicht so einfach, denn der Ehrliche ist ja auch gütig und verständnisvoll; Skrupel hemmen ihn anfangs noch.

Samstag, 3. Oktober 2009

Nachdenken über den 9. Oktober

Warum wurde ausgerechnet der 3. Oktober zum sog. Tag der deutschen Einheit, warum nicht der 9. Oktober?

Welcher 9. Oktober? Sehen Sie, Sie hatten schon vergessen, dass an dem Montag im Jahr 1989 in Leipzig 70000 Menschen den Altstadtring umrundeten, beäugt von 15000 Bewaffneten. Es war die bis dahin größte, nichtangemeldete Demonstration in der DDR, während der nicht einmal eine Fensterscheibe zu Bruch ging (War es der Gedanke an das Volkseigentum?), geschweige denn, Menschen zu Schaden kamen. Diese Demonstration löste eine Flut weiterer in der gesamten DDR aus, mit denen erzwungen werden sollte, das DDR-System zu reformiern, und es wurde doch Auslöser des Umsturzes.

An solch einen Tag sollte mit einem Feiertag erinnert werden? Niemals!
Die Gründe liegen auf der Hand.

Es war kein Regierender aus Ost und schon gar nicht aus West dabei.
Es bedurfte keines Regierenden, 70000 Menschen in Bewegung zu setzen; sie schafften das von sich aus.
Es bedurfte keines Regierenden, Zerstörung, Mord und Totschlag zu verhindern. Die Leute schafften das ganz allein.
Die Massen organisierten sich friedvoll fast von selbst, ein einmaliger Vorgang - leider.

Vor lauter Unzufriedenheit und Demonstriererei kamen die meisten monatelang gar nicht auf den Gedanken zu überlegen, was denn noch alles ohne Regierende möglich wäre. Außerdem war plötzlich die Grenze offen und alles Volk strömte - 100 Westmark abzuholen. Die große Chance zur Selbstbestimmung war vertan.

Der zweite Grund, den Tag zu keinem Feiertag zu erheben, ist ebenso einfach zu erkennen. Die untergehende DDR wurde nicht mit dem Westen vereint; sie wurde vom Westen kolonisiert. Waren es vor Hunderten Jahren die Mönche, die den Glauben unters Volk brachten, so die Gesellschaften zerstörten und die Kolonisierung leicht machten, waren es vor 19 Jahren die Versicherungsvertreter und die der Bausparkassen, die den DDR-Bürgern den Geldregen vom Himmel versprachen. Schon der erste geschenkte Hunderter hatte gläubig, gefügig und vor allem unterwürfig gemacht. Die von Händlern unters mauloffene Volk geworfene Bananen, Zeitschriften und Kugelschreiber wirkten wie die bunten Perlen der den Mönchen vor Hunderten Jahren nachrückenden Händler.

Den Blick auf die bunten Perlen gelenkt, merkten viele Leute nicht, wie ihnen die DDR unterm Hintern weggezogen wurde (Regierende verwandelten per Dekret Volkseigentum in Staatseigentum, um es verhökern zu können, und wir ließen uns das gefallen.) und sie mit Brosamen abgespeist wurden, viele von ihnen bis heute, die den Lügen, Verheißungen genannt, der neuen Regierenden im Osten und der alten Regierenden im Westen, glaubten und immer noch glauben. Nur sind es nicht mehr so viele. Die neuen Regierenden im Osten verschenkten die DDR, schnellstmöglich. Sie wollten sie unbedingt loswerden, denn sie hatten keine Herrschaft mehr über das Volk und die Kolinisten drängelten.

Die Herrschaft des Geldes bendete diesen Zustand des Nichtregiertwerdens, den kein Regierender oder Regierungswilliger der Welt lange duldet, auch nicht, wenn es nicht sein Volk ist, das er beherrscht, sondern Nachbarn. (Herrschende denken: mein Volk, sagen aber: die Menschen und wagten vor ein paar Jahren noch zu sagen: die Menschen draußen, tun es nicht mehr, denken es nur noch, ganz schön schlau.) Gewöhnlich lässt er Soldaten oder Geld einmarschieren, um im unbeherrschten Nachbarland die Ordnung der Herrschenden wieder herzustellen.

Dass die DDR kolonisiert wurde, steht außer Frage. Nehmen Sie die Nationalhymne. Daran erinnerte mich heute ein Gespräch mit Christian Führer, das ich im Radion gehört hatte. Dass die von den Nazis malträtierte Nationalhymne nun die aller Deutschen ist, illustriert das Bild von der Kolonisierung und zeugt zugleich von der Unfähigkeit und dem mangelnden Willen, etwas Neues zu schaffen. Wer kolonisiert, braucht nichts Neues zu schaffen. Er ist damit beschäftigt, neuen Profit schaffen zu lassen.

Wäre der Osten nicht kolonisiert worden, sondern mit dem Westen geeint, wäre eine neue Nationalhymne vonnöten gewesen. Es wäre auch der Text der DDR-Nationalhymne annehmbar gewesen, denn er kommt ohne Maas und Memel aus. Es ist mit Ausnahme weniger Zeilen ein guter Text, viel besser als der Überalles-Text. Besonders gefällt mir:
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.
Das geht natürlich in Einigdeutschland nicht. Wo kämen wir da hin? Muttertränen hin oder her; schließlich muss Einigdeutschland auch am Hindkusch verteidigt werden und wer weiß, wo demnächst noch.

Wir haben vor 20 Jahren eine einzigartige Chance verpasst und ich befürchte, welches Volk auch immer wird weiterhin ähnliche Möglichkeiten ungenutzt lassen, weil es stets zu viele Leute gibt, die sich allzu gern regieren lassen.

Sonntag, 13. September 2009

Vorweihnachtszeit beginnt - im Handel

Gestern schreckte mich Thomas Schill dauerklingelnd aus dem Mittagsschlaf. Er hastete schnaufend seinen Großbauch die Treppen hinauf.
"Lothar, beinahe hättest du es verpasst. Die Vorweihnachtszeit ist ausgebrochen", und schon schnaufte Schill weiter.
"Thomas, heute ist der 12. September, nicht Dezember. Also beruhige dich, wir verpassen nichts."
"Mann, weiß ich doch. Trotzdem ist jetzt Vorweihnachten."
Ich zog zwei Mal kurz an meiner Nasenspitze und sagte: "Meinst du Vorweihnachten oder vor Weihnachten. Vor Weihnachten ist ja wohl immer, wenn das Weihnachtsfest vorüber ist. Unter Vorweihnacht stelle ich mir immer noch die Adventszeit vor. Die beginnt in diesem Jahr ..." Ich flitzte zum Kalender und ergänzte: "... am 29. November."
Schill schaute mich triumphierend an und rief aus: "Jaha, so denkst du! Du hinkst der Zeit um Jahre hinterher. Warum kannst du oller Traditionalist dich nicht ein wenig der modernen Geschwindigkeit anpassen."

Jetzt schnaufte zur Abwechslung ich und erwiderte: "Kann eine Geschwindigkeit modern sein?"
"Sei nicht immer so spitzfindig. Ich meine nur, du musst schneller werden."
"Das glaube ich nicht. Ich verstehe das so, dass ich einfach mehr Ausdauer, den sogenannten längeren Atem, haben muss, jetzt schon Anlauf nehmen soll, um Weihnachten pünktlich zu erreichen. Was ist das alles für ein Quatsch?"
Schill schürzte die Unterlippe, zog aus der Hosentasche einen bunten Prospekt, entknitterte ihn, legte ihn auf den Tisch, klatsche mit der Hand darauf und sagte: "Hier ist der Beweis, dass Vorweihnachten beginnt, undzwar genau am Montag."

Hier die erste Seite von vieren, gefüllt mit Abbildungen von Glühwein (das Etikett zeigt einen verschneiten Kirchplatz mit Sternenhimmel), Lebkuchenherzen und -sternen, auf den Innenseiten Stollenkonfekt, Spekulatius, Dominosteine und Baumkuchen, auf der Rückseite Marzipanbrote und - der Höhepunkt - Gelee-Baumbehang.



Gerade hatte ich gehört, dass Heinrich Böll einmal geäußert hatte, in Westdeutschland sei nichts schlimmer, als wenn jemand dazu beitrage, den Umsatz zu verringern. Das sagte ich Schill und fügte hinzu, dass sich daran seit der Zeit gleich nach Weltkrieg Nummer zwei nichts geändert habe und: "Du kannst dich ja eindecken mit Lebkuchen und Baumbehang, dir Glühwein erhitzen, dich mit dem Glas Glühwein wie ein Hamster vor den Berg Süßkram setzen und zweieinhalb Monate auf die Adventszeit warten."
"Glaubst du etwa, ich kann so lange warten?"
Ich schaute demonstrativ auf seinen Großbauch, dann Schill ins Gesicht. "Genau das ist doch der Trick. So wie du können viele andere auch nicht warten, bis zum 29. November, allein schon, weil zumeist Anfang November die ersten Fröste über uns kommen. Und spätestens dann schlürfen sie Glühwein und naschen dazu vom Marzipanbrot. Und? Na? Sie kaufen nach, damit sie die Adventszeit würdig begehen können. Die Läden jetzt mit Baumkuchen und Glühwein zu bestücken, steigert den Umsatz. Darum, um nichts anderes, geht es in dieser Gesellschaft. Böll hat Recht behalten."

Schill fragte mich: "Und du? Kriege ich den ersten Glühwein erst am 29. November?"
"Nein, natürlich nicht. Ich werde den Umsatz auch steigern und kaufe den ersten Glühwein, wenn der erste Frost droht."
"Vorher nicht?"
"Vorher nicht."
"Naja, bist ja doch nicht solch ein Traditionalist. Bist ja doch ein Anpasser."

Donnerstag, 13. August 2009

Drei Kaiser

Das Zitat über die Regierenden, die uns an der Nase herumführen wollen und sich dazu ergebener Medien bedienen, stammt aus Erwin Strittmatter "Der Wundertäter, 3. Band", steht fast am Ende des 14. Kapitels. Der dritte Band erschien im Jahr 1980 in der DDR und ich fand in ihm, im 31. Kapitel, noch ein passrechtes Zitat, dieses Mal über eine Person, die er so schildert:

... es war MEHRLESENS überheblicher Ton, mit dem er über die Wirklichkeit sprach, die er nicht kannte; es war die dumm-dreiste Art, mit der er sich "Die Leser" konstruierte, mit der sich anmaßte, zu erklären, was Leser sich wünschten, die besser als er wussten, was war und was nicht war; was es schon gab und was es noch nicht gab. ...

Aber darüber wollte ich nichts weiter schreiben. Ich erinnerte mich nur an die sog. Kaisertage, zu denen alle Jahre wieder besonders viele Urlauber nach Heringsdorf gelockt werden, um hier möglichst viel Geld auszugeben. Ich habe keinen anderen Grund für die Anhäufung von Veranstaltungen und Verkaufsständen für angehäufte Urlauber finden können, auch nicht vor zwei Wochen.
Dass das Ganze für Urlauber veranstaltet wird, ist schon daran zu merken, dass sich am Ablauf so gut wie nichts ändert, sogar das Feuerwerk kam mir sehr bekannt vor, und die meisten Verkaufsstände standen an fast den selben Stellen wie im Vorjahr. Die Bratwürste waren wohl nicht die vom Vorjahr.

Warum tagelang eines Kaisers gedacht werden muss, kann ich bis heute nicht verstehen, der war ja schließlich nicht nur in Berlin und in Heringsdorf. Stellen Sie sich vor, überall, wo der Kaiser, welcher auch immer, irgendwann einmal gewesen ist, würden Kaisertage begangen!

Außerdem kommt Deutschland nun schon seit über 90 Jahren ohne Kaiser aus; das heißt, die Heringsdorfer offensichtlich nicht. Würden einige Heringsdorfer sonst die Gemeinde am liebsten Kaiserbäder nennen - beinahe hätte die Gemeinde, als sie sich aus dreien bildete, so geheißen, Dreikaiserbäder - und würden sie sonst auch alljährlich die Kaisertage feiern?

Es kann die Kaisertage-Feierei auch nicht mit Dankbarkeit zum Kaiser begründet werden. Ohne seine zeitweilige Anwesenheit wären die Dörfer dennoch zu recht ungeordneten Ansammlungen von Hotels, Pensionen, Fremdenzimmern und ein paar Villen herangewachsen. Die Dörfer waren ja schon dabei, sich zu entwickeln, ehe der Kaiser Notiz davon nahm.

Also warum dann Kaisertage? Was hat der Kaiser der Gemeinde Gutes getan, dass seiner Majestät jährlich mit tagelangen Festen gedacht werden muss?
Letztlich geht es doch nur darum Urlauber anzulocken. Sie kämen auch dann, würde die Urlauberverlockung anders heißen. Sie kommen, weil sie auch sonst zu allen möglichen sog. Volksfesten gehen, nur dass sie nun einmal Ende Juli im Ort oder in dessen Nähe sind.

Einzig interessant könnte die sog. Dankeschön-Veranstaltung Anfang Oktober werden. Dann ist die Saison vorbei und es versammeln sich die Organisatoren, um zu feiern, dass wieder einmal alles so abgelaufen ist, wie sonst. Das Interessante an der Veranstaltung sind die Beobachtungen, wer wie mit wem dort debattiert und wer mit wem von dort verschwindet.

Sonntag, 26. Juli 2009

Rätsel über Regierende

Als Thomas Schill heute mit mir sprach, nannte er mich gegen seine Gewohnheit Gülle-Lothar. ("Sturmfeld"-Leser wissen, wie ich zu dem Spitznamen kam.) Mir riss schließlich der Geduldsfaden und ich fragte ihn: "Warum sprichst du mich heute ständig mit meinem Spitznamen an?"
"Also gut, meinetwegen nur Lothar. Ich kam auf die Gülle, weil ich etwas über Regierende las."
"Liest du doch jeden Tag, deren blöde Parolen."
Haben Sies gemerkt? Wir sind per du; ist vor einer Woche passiert. Wir haben mächtig einen getrunken und ich nutze den Sonntag, um mich davon zu erholen.
"Die sind gar nicht so blöd. Aber sie versuchen, uns zu verblöden."
Ich wurde ungeduldig. "Was ist das denn nun mit den Regierenden?"
Schill kratzte sich hinter dem rechten Ohr, schaute mich seitlich und von unten an, als wäre er ein Händler, der mich gerade übers Ohr hauen will und sagte: "Ich lese es dir vor, und du darfst raten oder wissen, wer es aufschrieb."
"Und wenn ich es nicht herausfinde?"
"Geht die Welt nicht unter. Dann habe ich bloß bewiesen, dass ich Sachen weiß, die du nicht weißt."
"Und was heißt das?"
"Nichts weiter, als dass wir uns ergänzen."
"Dann wäre es besser für unseren Zusammenhalt, ich wüsste es nicht?"
"Das kannst du halten wie du willst."

Schill zog einen Zettel aus der Brusttasche seines Hemdes, entfaltete ihn und las: "Ich kenne keine Regierung, die nicht darauf bedacht wäre, den Regierten zu erklären, wie gut sie es hätten und wie schwierig das Geschäft des Regierens wäre. Niemand hat die Regierenden in den Beruf hineingedrängt, aber alle möchten nachher für Leute gelten, die sich aufopferten, möchten, dass ihr Beruf als der wichtigste der Welt gelte."

"Thomas, ich habe keine Ahnung."
"Lother, das macht nichts. Kleine Hilfestellung, das Zitat ist 29 Jahre alt."
"Gilt aber immer noch."
"Wird auch immer gelten, jedenfalls so lange es Regierende gibt. Also, weißt du wer es schrieb?"

Ich hatte keine Lust zu raten; ich fand und finde das Raten albern. Schill gab mir eine Woche Bedenkzeit. Doch die Woche will ich mit Anderem ausfüllen, habe ich mir jedenfalls vorgenommen.
Deshalb eine kleiner Aufruf: Wer ohne lange nachzulesen weiß, wers schrieb, kann es mir im Kommentar mitteilen, auch wenn Schill dann leise zweifeln könnte, dass wir uns immer und überall ergänzen und deshalb unzertrennlich sein müssten.

Sonntag, 12. Juli 2009

Steilküsten-Abfahrtslauf

Schill hat als Vorruheständler nicht nur Zeit, auf der Promenade Urlaubern zuzuhören. Er hat auch Zeit, sich auszudenken, wie er zu Geld kommen könnte.

Vor ein paar Tagen klingelte er Sturm.
"Merten, ich hab eine Idee, wie ich mich selbständig machen könnte und ich bekomme keinen roten Heller Kredit dafür von der Spaßkasse."
"Nagut, ich höre es mir an."
Schill war schnell die Treppen hinaufgestiegen. Er atmete fauchend vor Anstrengung und weil er so aufgeregt war wegen seines abgelehnten Einfalls.
"Wie wärs mit ner Cola?"
"Cola trink ich nur mit Wodka", antwortete er.
"Wodka? Aber nicht nachmittags um drei."
Ich brachte ihm ein Glas Leitungswasser. Doch er war auch damit nicht zufrieden:
"Kohlensäure gibt es nachmittags um drei auch nicht? Ab wann darf denn Wasser bei Ihnen sprudeln?"
"Ich habe sonst nichts im Haus. Also, was ist Ihnen eingefallen?"

"Merten, das ist eine Bombenidee. Haben Sie Lust zum Skilaufen?"
"Was? Jetzt im Juli?"
"Klar. Warum nicht? Hauptsache es ist Vollmond. Heute ist Vollmond."
"So richtig mit Skiern?"
"Ja, die Steilküste runter. Wenn die in Oman die Dünen runterrutschen, können wir das hier erst recht. Aufregender ist es sowieso, weil es schärfer bergab geht."

Mir schien, ich müsste verbindlicher werden.
"Thomas Schill, das kann nicht funktionieren."
"Kann es doch. Was spricht dagegen?"
"Alle Steilküsten sind geschützt. Die Hänge dürfen nicht betreten werden. Mit Skiern wären die Hänge ruckzuck ramponiert. Und wer sollten denn wohl die Kunden werden, die dort runterbretterten. Warum sollten es überhaupt Kunden werden, wenn sie schon so verrückt wären, im Sommer mit ihren eignenen Skiern die Steilküsten runterfahren könnten?"

Schill reckte seinen gewaltigen Brustkorb und sagte beim Ausatmen: "Hab ich alles bedacht." Und dann: "Zuerst müsste ich ein Stück Küste kaufen und präparieren, sozusagen eine Piste anlegen. Genau dafür brauchte ich das meiste Geld."
"Wer soll Ihnen denn ein Stück Steilküste verkaufen? Ist das nicht alles Landeseigentum?"
"Das ist es ja gerade. Ich weiß es nicht. Bin noch nicht dazu gekommen, das herauszufinden."
"Gesetzt den Fall, das Land verkaufte Ihnen etwas Steilküste. Warum sollten die Landeslandverwalter es nicht tun, wenn die Regierung unbedingt die Gegend mit einem Kohlekraftwerk vergiften will wegen ein paar Arbeitsplätzen? Was wäre dagegen schon ein Stück Steilküste. Am besten die, unter der die Bernsteinlagerstätte liegt. Da würden die Skiläufer gleich den Abbaus betreiben und Sie hätten ein Zusatzeinkommen. Wenn die Ölbohrer den ltzten Tropfen aus dem Untergrund zutschen wollen, können Sie Skiläufer nebenbei Bernstein abbauen lassen, ohne dass die es merken. Zum Feierabend gehen Sie dann sieben und sammeln."
Schill triumphierte: "Siehste?"
"Und wer soll da herunterfahren?"
Schill blies die Wangen auf, als wollte er Trompete spielen und pustete mir seinen Atem entgegen. "Ist doch sonnenklar, wer meine Kunden werden, diese nordischen Geher mit ihren Skistöcken, die immer so aussehen, als würden sie verzweifelt und in höchster Eile ihre Skier suchen. Und die habe ich, natürlich nicht ihre, aber welche zum Verleihen. Mein Argument: Skilaufen ohne Skier, du meine Güte! Sie bringen die Stöcke mit, ich habe die Skier und ab gehts in die Tiefe."

Ich kratzte abwechselnd meine Ohren. "Gesetzt den Fall, das alles könnte klappen - wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die nordischen Skiläufer ohne Skier ausgerechnet Ihre Bretter anschnallen würden, um 30 oder 40 Meter tief die Steilküste hinabzurutschen - also gesetzt den Fall, sie oder wer auch immer täten es doch, warum bei Vollmond?"

Schill rollte mit den Augen, Verzweiflung vortäuschend. "Das ist natürlich nur ein Verkaufstrick. Nachts, Vollmond, Fackeln zu beiden Seiten der Piste, Lagerfeuer am Strand. Dafür kann ich einen Extrapreis verlangen."
Dann sackte er plötzlich etwas in sich zusammen und sagte: "Tja, wenn ich eine Wellnes-Oase eröffnen würde oder wie die Zimmer heißen, in denen Leute sich mit ich weiß nicht was einschmieren lassen, bekäme ich bestimmt einen Kredit. Aber ich kann nicht andere Leute einschmieren, hört sich auch so nach anschmieren an, und ich will auch nicht anbieten, was so viele andere Leuten schon anbieten."
Ich empfahl ihm: "Dann bleiben Sie doch einfach Ruheständler. Helfen Sie Ihrer Frau beim Abwasch und beobachten Sie Urlauber auf der Promenade und die Leute mit den Skistöcken, die ihre Skier suchen. Was Sie da erleben, erzählen Sie mir. Wenn Sie das tun, verspreche ich Ihnen, Sie nach den Kaisertagen zur Dankeschön-Veranstaltung für die Organisatoren mitzunehmen. Essen und Trinken frei und dazu noch Hein mit sien Schifferklavier."
"Ach, Sie sind Organisator?"
"Nein, ich mache nur jede Menge Fotos und etwas Text dazu für die Kurverwaltung. Was die damit machen, weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Ist wohl fürs Internet und Kataloge. Ein bisschen muss auch ich für die Gemeinde machen, wenn ich schon hier wohne."
"Ich könnte mich beherrschen."
"Ist in Ordnung, Schill. Jeder nach seiner Fasson. Sehen wir uns in einer Woche?"
"Abgemacht."
"Aber ohne Skier."
"Das muss ich mir noch überlegen."

Ich brauchte nicht zu überlegen. Skilaufen im Sommer, die Steilküste hinab, ob im Sonnenschein oder im Mondlicht. Niemals würde ich mich auf Skier stellen.