Donnerstag, 13. August 2009

Drei Kaiser

Das Zitat über die Regierenden, die uns an der Nase herumführen wollen und sich dazu ergebener Medien bedienen, stammt aus Erwin Strittmatter "Der Wundertäter, 3. Band", steht fast am Ende des 14. Kapitels. Der dritte Band erschien im Jahr 1980 in der DDR und ich fand in ihm, im 31. Kapitel, noch ein passrechtes Zitat, dieses Mal über eine Person, die er so schildert:

... es war MEHRLESENS überheblicher Ton, mit dem er über die Wirklichkeit sprach, die er nicht kannte; es war die dumm-dreiste Art, mit der er sich "Die Leser" konstruierte, mit der sich anmaßte, zu erklären, was Leser sich wünschten, die besser als er wussten, was war und was nicht war; was es schon gab und was es noch nicht gab. ...

Aber darüber wollte ich nichts weiter schreiben. Ich erinnerte mich nur an die sog. Kaisertage, zu denen alle Jahre wieder besonders viele Urlauber nach Heringsdorf gelockt werden, um hier möglichst viel Geld auszugeben. Ich habe keinen anderen Grund für die Anhäufung von Veranstaltungen und Verkaufsständen für angehäufte Urlauber finden können, auch nicht vor zwei Wochen.
Dass das Ganze für Urlauber veranstaltet wird, ist schon daran zu merken, dass sich am Ablauf so gut wie nichts ändert, sogar das Feuerwerk kam mir sehr bekannt vor, und die meisten Verkaufsstände standen an fast den selben Stellen wie im Vorjahr. Die Bratwürste waren wohl nicht die vom Vorjahr.

Warum tagelang eines Kaisers gedacht werden muss, kann ich bis heute nicht verstehen, der war ja schließlich nicht nur in Berlin und in Heringsdorf. Stellen Sie sich vor, überall, wo der Kaiser, welcher auch immer, irgendwann einmal gewesen ist, würden Kaisertage begangen!

Außerdem kommt Deutschland nun schon seit über 90 Jahren ohne Kaiser aus; das heißt, die Heringsdorfer offensichtlich nicht. Würden einige Heringsdorfer sonst die Gemeinde am liebsten Kaiserbäder nennen - beinahe hätte die Gemeinde, als sie sich aus dreien bildete, so geheißen, Dreikaiserbäder - und würden sie sonst auch alljährlich die Kaisertage feiern?

Es kann die Kaisertage-Feierei auch nicht mit Dankbarkeit zum Kaiser begründet werden. Ohne seine zeitweilige Anwesenheit wären die Dörfer dennoch zu recht ungeordneten Ansammlungen von Hotels, Pensionen, Fremdenzimmern und ein paar Villen herangewachsen. Die Dörfer waren ja schon dabei, sich zu entwickeln, ehe der Kaiser Notiz davon nahm.

Also warum dann Kaisertage? Was hat der Kaiser der Gemeinde Gutes getan, dass seiner Majestät jährlich mit tagelangen Festen gedacht werden muss?
Letztlich geht es doch nur darum Urlauber anzulocken. Sie kämen auch dann, würde die Urlauberverlockung anders heißen. Sie kommen, weil sie auch sonst zu allen möglichen sog. Volksfesten gehen, nur dass sie nun einmal Ende Juli im Ort oder in dessen Nähe sind.

Einzig interessant könnte die sog. Dankeschön-Veranstaltung Anfang Oktober werden. Dann ist die Saison vorbei und es versammeln sich die Organisatoren, um zu feiern, dass wieder einmal alles so abgelaufen ist, wie sonst. Das Interessante an der Veranstaltung sind die Beobachtungen, wer wie mit wem dort debattiert und wer mit wem von dort verschwindet.

Sonntag, 26. Juli 2009

Rätsel über Regierende

Als Thomas Schill heute mit mir sprach, nannte er mich gegen seine Gewohnheit Gülle-Lothar. ("Sturmfeld"-Leser wissen, wie ich zu dem Spitznamen kam.) Mir riss schließlich der Geduldsfaden und ich fragte ihn: "Warum sprichst du mich heute ständig mit meinem Spitznamen an?"
"Also gut, meinetwegen nur Lothar. Ich kam auf die Gülle, weil ich etwas über Regierende las."
"Liest du doch jeden Tag, deren blöde Parolen."
Haben Sies gemerkt? Wir sind per du; ist vor einer Woche passiert. Wir haben mächtig einen getrunken und ich nutze den Sonntag, um mich davon zu erholen.
"Die sind gar nicht so blöd. Aber sie versuchen, uns zu verblöden."
Ich wurde ungeduldig. "Was ist das denn nun mit den Regierenden?"
Schill kratzte sich hinter dem rechten Ohr, schaute mich seitlich und von unten an, als wäre er ein Händler, der mich gerade übers Ohr hauen will und sagte: "Ich lese es dir vor, und du darfst raten oder wissen, wer es aufschrieb."
"Und wenn ich es nicht herausfinde?"
"Geht die Welt nicht unter. Dann habe ich bloß bewiesen, dass ich Sachen weiß, die du nicht weißt."
"Und was heißt das?"
"Nichts weiter, als dass wir uns ergänzen."
"Dann wäre es besser für unseren Zusammenhalt, ich wüsste es nicht?"
"Das kannst du halten wie du willst."

Schill zog einen Zettel aus der Brusttasche seines Hemdes, entfaltete ihn und las: "Ich kenne keine Regierung, die nicht darauf bedacht wäre, den Regierten zu erklären, wie gut sie es hätten und wie schwierig das Geschäft des Regierens wäre. Niemand hat die Regierenden in den Beruf hineingedrängt, aber alle möchten nachher für Leute gelten, die sich aufopferten, möchten, dass ihr Beruf als der wichtigste der Welt gelte."

"Thomas, ich habe keine Ahnung."
"Lother, das macht nichts. Kleine Hilfestellung, das Zitat ist 29 Jahre alt."
"Gilt aber immer noch."
"Wird auch immer gelten, jedenfalls so lange es Regierende gibt. Also, weißt du wer es schrieb?"

Ich hatte keine Lust zu raten; ich fand und finde das Raten albern. Schill gab mir eine Woche Bedenkzeit. Doch die Woche will ich mit Anderem ausfüllen, habe ich mir jedenfalls vorgenommen.
Deshalb eine kleiner Aufruf: Wer ohne lange nachzulesen weiß, wers schrieb, kann es mir im Kommentar mitteilen, auch wenn Schill dann leise zweifeln könnte, dass wir uns immer und überall ergänzen und deshalb unzertrennlich sein müssten.

Sonntag, 12. Juli 2009

Steilküsten-Abfahrtslauf

Schill hat als Vorruheständler nicht nur Zeit, auf der Promenade Urlaubern zuzuhören. Er hat auch Zeit, sich auszudenken, wie er zu Geld kommen könnte.

Vor ein paar Tagen klingelte er Sturm.
"Merten, ich hab eine Idee, wie ich mich selbständig machen könnte und ich bekomme keinen roten Heller Kredit dafür von der Spaßkasse."
"Nagut, ich höre es mir an."
Schill war schnell die Treppen hinaufgestiegen. Er atmete fauchend vor Anstrengung und weil er so aufgeregt war wegen seines abgelehnten Einfalls.
"Wie wärs mit ner Cola?"
"Cola trink ich nur mit Wodka", antwortete er.
"Wodka? Aber nicht nachmittags um drei."
Ich brachte ihm ein Glas Leitungswasser. Doch er war auch damit nicht zufrieden:
"Kohlensäure gibt es nachmittags um drei auch nicht? Ab wann darf denn Wasser bei Ihnen sprudeln?"
"Ich habe sonst nichts im Haus. Also, was ist Ihnen eingefallen?"

"Merten, das ist eine Bombenidee. Haben Sie Lust zum Skilaufen?"
"Was? Jetzt im Juli?"
"Klar. Warum nicht? Hauptsache es ist Vollmond. Heute ist Vollmond."
"So richtig mit Skiern?"
"Ja, die Steilküste runter. Wenn die in Oman die Dünen runterrutschen, können wir das hier erst recht. Aufregender ist es sowieso, weil es schärfer bergab geht."

Mir schien, ich müsste verbindlicher werden.
"Thomas Schill, das kann nicht funktionieren."
"Kann es doch. Was spricht dagegen?"
"Alle Steilküsten sind geschützt. Die Hänge dürfen nicht betreten werden. Mit Skiern wären die Hänge ruckzuck ramponiert. Und wer sollten denn wohl die Kunden werden, die dort runterbretterten. Warum sollten es überhaupt Kunden werden, wenn sie schon so verrückt wären, im Sommer mit ihren eignenen Skiern die Steilküsten runterfahren könnten?"

Schill reckte seinen gewaltigen Brustkorb und sagte beim Ausatmen: "Hab ich alles bedacht." Und dann: "Zuerst müsste ich ein Stück Küste kaufen und präparieren, sozusagen eine Piste anlegen. Genau dafür brauchte ich das meiste Geld."
"Wer soll Ihnen denn ein Stück Steilküste verkaufen? Ist das nicht alles Landeseigentum?"
"Das ist es ja gerade. Ich weiß es nicht. Bin noch nicht dazu gekommen, das herauszufinden."
"Gesetzt den Fall, das Land verkaufte Ihnen etwas Steilküste. Warum sollten die Landeslandverwalter es nicht tun, wenn die Regierung unbedingt die Gegend mit einem Kohlekraftwerk vergiften will wegen ein paar Arbeitsplätzen? Was wäre dagegen schon ein Stück Steilküste. Am besten die, unter der die Bernsteinlagerstätte liegt. Da würden die Skiläufer gleich den Abbaus betreiben und Sie hätten ein Zusatzeinkommen. Wenn die Ölbohrer den ltzten Tropfen aus dem Untergrund zutschen wollen, können Sie Skiläufer nebenbei Bernstein abbauen lassen, ohne dass die es merken. Zum Feierabend gehen Sie dann sieben und sammeln."
Schill triumphierte: "Siehste?"
"Und wer soll da herunterfahren?"
Schill blies die Wangen auf, als wollte er Trompete spielen und pustete mir seinen Atem entgegen. "Ist doch sonnenklar, wer meine Kunden werden, diese nordischen Geher mit ihren Skistöcken, die immer so aussehen, als würden sie verzweifelt und in höchster Eile ihre Skier suchen. Und die habe ich, natürlich nicht ihre, aber welche zum Verleihen. Mein Argument: Skilaufen ohne Skier, du meine Güte! Sie bringen die Stöcke mit, ich habe die Skier und ab gehts in die Tiefe."

Ich kratzte abwechselnd meine Ohren. "Gesetzt den Fall, das alles könnte klappen - wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die nordischen Skiläufer ohne Skier ausgerechnet Ihre Bretter anschnallen würden, um 30 oder 40 Meter tief die Steilküste hinabzurutschen - also gesetzt den Fall, sie oder wer auch immer täten es doch, warum bei Vollmond?"

Schill rollte mit den Augen, Verzweiflung vortäuschend. "Das ist natürlich nur ein Verkaufstrick. Nachts, Vollmond, Fackeln zu beiden Seiten der Piste, Lagerfeuer am Strand. Dafür kann ich einen Extrapreis verlangen."
Dann sackte er plötzlich etwas in sich zusammen und sagte: "Tja, wenn ich eine Wellnes-Oase eröffnen würde oder wie die Zimmer heißen, in denen Leute sich mit ich weiß nicht was einschmieren lassen, bekäme ich bestimmt einen Kredit. Aber ich kann nicht andere Leute einschmieren, hört sich auch so nach anschmieren an, und ich will auch nicht anbieten, was so viele andere Leuten schon anbieten."
Ich empfahl ihm: "Dann bleiben Sie doch einfach Ruheständler. Helfen Sie Ihrer Frau beim Abwasch und beobachten Sie Urlauber auf der Promenade und die Leute mit den Skistöcken, die ihre Skier suchen. Was Sie da erleben, erzählen Sie mir. Wenn Sie das tun, verspreche ich Ihnen, Sie nach den Kaisertagen zur Dankeschön-Veranstaltung für die Organisatoren mitzunehmen. Essen und Trinken frei und dazu noch Hein mit sien Schifferklavier."
"Ach, Sie sind Organisator?"
"Nein, ich mache nur jede Menge Fotos und etwas Text dazu für die Kurverwaltung. Was die damit machen, weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Ist wohl fürs Internet und Kataloge. Ein bisschen muss auch ich für die Gemeinde machen, wenn ich schon hier wohne."
"Ich könnte mich beherrschen."
"Ist in Ordnung, Schill. Jeder nach seiner Fasson. Sehen wir uns in einer Woche?"
"Abgemacht."
"Aber ohne Skier."
"Das muss ich mir noch überlegen."

Ich brauchte nicht zu überlegen. Skilaufen im Sommer, die Steilküste hinab, ob im Sonnenschein oder im Mondlicht. Niemals würde ich mich auf Skier stellen.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Kolonnisten

Es können nicht alle Autofahrer Autobesitzer gewesen sein, die heute vormittag auf der Bundesstraße durch Heringsdorf fuhren. Auf der Straße zockelten so viele Autos auf beiden Fahrbahnen, dass ich davon ausgehe, etliche Leute hatten sich Autos geborgt, um mitzumachen, die Straße zu füllen, und nicht nur das, sie fuhren, um die Autos auch zu nutzen, mehrfach zwischen Bansin und Ahlbeck hin und her, wohl auch gleich nach Swinemünde zum Tanken.
So voll war die Straße!

In den nächsten Jahren werden weitere Übernachtungsmöglichkeiten gebaut, so das 30 Meter hohe Hotel, das schon heute den Tarnnamen "Teil des Ortszentrums Heringsdorf" trägt, aber den Namen "Koloss von Heringsdorf" verdient hat.
Ich hoffe, dann werden die Leute mit den geborgten Autos, diese Kolonnisten, aussortiert, damit die Autos auf der Ortsdurchfahrt nicht übereinander gestapelt werden müssen.

Sonntag, 14. Juni 2009

Schills Geschichte lesenswert?

Gestern war Thomas Schill wieder da, sich eine Antwort abzuholen. Er musste sich zwar nicht bücken, um in die Wohnung zu gelangen, doch füllte er fast die Türöffnung aus.
Ich habe ihm dringend abgeraten, so etwas wie ein Internet-Bürgerzeitung zu beginnen. Sie wird kaum gelesen werden und macht vor allem unglaublich viel Arbeit - und das für nichts und wieder nichts.

"Was dann?", wollte er wissen.
"Weiß ich auch nicht. Mehr Leser hätte eine Klatschseite, doch dann hätten wir auch mehr mit Anwälten und vor Gericht zu tun. Warum wollen Sie überhaupt etwas schreiben?"
Er schaute mich herablassend an und antwortete: "Warum wohl? Weil ich eine Menge weiß."
"Zum Beispiel?"
"Wie Urlauber rumlaufen."
"Wen interessiert das?"
Schill lachte leise. "Mich. Setzen Sie sich mal eine halbe Stunde auf eine der Promenadenbänke und schauen Sie dem Treiben zu."
"Und das ist ein Grund? Schreiben Sie es doch für sich auf und behelligen Sie nicht die Menge, wobei sich fragt, wie klein die Menge sein wird."

Unvermittelt, als hätte er die Bettelei satt, fragte er mich: "Ist Journalist ein Traumberuf?"
"Nee, für mich nicht. Sonst würde ich es noch heute und weiterhin machen. Statt Nerven zerfetzenden Themen in aller Welt nachzujagen, schaffte ich es Lokalredakteur in die Wärmestube des Arbeitslosenverbandes. Das ist zwar fast, wie auf die Seychellen zu reisen, aber nur fast."
"Das kann doch interessant sein, wenn man die Augen aufmacht."
"Dann berichten Sie doch von dort im Winter. Auf der Insel gibt es doch gar keine Wärmestube."
Schill nickte. "Werde ich mir merken. Gute Idee, das mit der Wärmestube. Dann fahre ich eben nach Wolgast."
"Ihnen ist kein Weg zu weit für eine Geschichte, die niemanden interessiert?"
Schill neigte den Kopf ein wenig zur Seite und zugleich nach vorn. "Mmhhmm, bin ich niemand?"
Ich war ein wenig ungehalten. "So kommen wir nicht voran. Erzählen Sie mal, wie Urlauber rumlaufen.
Schill schaute zur Zimmerdecke, schlug mit der rechten Faust in seine linke Hand und sagte: "Ich habe eine", holte tief Luft, atmete kräftig aus und fing endlich an:

"Auf der Promenade schlenderte eine Frau in braunen Fellstiefeln, ein mattes Hellbraun, das der Stiefel, sehr vornehm, passend zum Fell ihres Hundes. Dennoch beging sie einen Stilbruch, denn das Halsband und die Leine waren aus glattem, schwarzem Leder.
Ein Mann in silberfarbener Bundjacke und schwarzer Hose ging auf sie zu. Offensichtlich waren sie einander schön öfter begegnet.
Er zu Ihr: Und wie gehts?
Sie: Gut.
Er: Und sonst so?
Sie: Sonst gehts gut.
Er: Und überhaupt?
Sie: Wie, überhaupt?
Er: Na, so generell.
Sie: Achso, ja, generell gut.
Er: Und wollen Sie nicht wissen, wie es mir so im Detail geht?
Sie: Bitte?
Er: Na, im Speziellen.
Sie: Oja, Wie gehts im Detail?
Er: Meinen Details geht es sehr unterschiedlich.
Sie: Welchen Details geht es denn besonders gut?
Er: Meinen Zähnen, besonders meinen Schneidezähnen. Keine Plombe, keine Karies. Vielleicht haben sie im Urlaub etwas zu viel Farbe abbekommen; war ja tolles Wetter. Aber sonst bestens."
Schill grinste mich an und fragte: "Können Sie sich vorstellen, dass was wurde aus den Beiden?"
"Generell oder im Detail?"
"Na, überhaupt."
"Ich glaube, im Detail mag es was geworden sein, weil beide unter Langeweile litten, generell wohl überhaupt nicht.
Aber nun mal im Ernst, wer soll denn so etwas gut finden und deshalb lesen wollen?"
Er zog die blassblonden Augenbrauen zugleich mit den Schultern hoch. "Meinen Sie nicht?"

"Ich werde meine Blogleser fragen", was ich hiermit getan habe.

Montag, 8. Juni 2009

Schill will Zeitung machen

Bei mir hat sich ein Heringsdorfer Vorruheständler gemeldet, klingelte und stand dann vor der Tür, 59, riesig, blond, großbäuchig.

Er möchte von mir schreiben lernen, schließlich hätte ich ja lange für die Inselrundschau gearbeitet; witzig, zweifle ich doch an jedem Tag an mir selbst. Doch er ließ sich nicht abweisen. Er wolle unbedingt ein Bürgerblatt gründen, nur im Internet, weil es nichts kosten dürfe und wohl auch nichts einbringen werde. Er wollte wissen, wie er einen Text beginnen und wie er ihn enden lassen muss. Ich fragte, ob er denn wisse, woher er Themen erhalte, bevor er sich über Anfang und Ende den Kopf zerbreche. Er winkte ab, davon habe er "reichlich im Koppe".

"Nur mit dem Schreiben hapert es", ergänzte er. Ich schlug ihm ein Treffen in einer Woche vor. Bis dahin würde ich es mir überlegen.
So, und nun sitze ich da und überlege, mit der reizvollen Aussicht auf Schreibarbeit und mit der reizlosen Aussicht, regelmäßig etwas abzuliefern, ohne etwas daran zu verdienen.

Wenn ich bedenke, mit welchem Wenig bis Nichts Leute Geld verdienen, ist die Idee
abschreckend. Andererseits hätte ich zusätzliches Tun, denn meine Schreibseminare sind schlecht besucht.

Was mache ich? Folge ich dem Vorschlag Thomas Schills? So heißt er und ich fragte und es
sollte witzig sein: "Ist vielleicht Ferdinand von Schill Verwandschaft?"
"Ich bin kein Von und weiß auch nicht, dass der von Schill Kinder gehabt hätte. Da isser wohl nicht zu gekommen."
Peng, das saß, und das ist der Grund, warum ich noch überlege und ihn nicht einfach seine
Webzeitung allein machen lasse.

Sonntag, 24. Mai 2009

Keinen Cent wert

Habe im Aldi an zwei Tagen dieser Woche in der Insel-Rundschau geblättert und fand bestätigt, was ich schon lange weiß: Die Leser kaufen zumeist Belangloses, Texte, die ihnen keinerlei Nutzen bringen und dann noch schlecht geschrieben sind. Seitenfüllung mit Höchstgeschwindigkeit, um den heiligen Feierabend zu
sichern, scheint den Redakteuren besonders wichtig zu sein. Was da
steht, ist nicht so wichtig.
Es wird immer schlimmer, seit ich die Rundschau verließ, hat aber natürlich nichts mit mir zu tun.

So sollte für die Leser wichtig sein, dass der Oberpräsident gewählt wird. Wichtig ist das doch nur für jene, die auf Posten und Pöstchen rund um den Präsidenten aus sind. Den Lesern auf Usedom ist es egal, wer ihre Steuergelder erhält, da kaum jemand von ihnen die Möglichkeit hat, eines der 150 Pöstchen zu bekommen. Erinnert sich noch jemand an die vorletzte Rede der gerade vergangenen Amtszeit? Ich erinnere mich nur an das wichtige Gesicht, den lehrerhaften Ton des Oberpräsidenten, was ihn lächerlich machte. Der Mann ist mit Amt und Maus überflüssig, kostet nur Geld. Dennoch wird alles um ihn hochgespielt, nur um die Seiten schnell zu füllen, denn Agenturen liefern massig Material, das auch sie sehr einfach beschaffen; es wird ihnen förmlich in die Hand gedrückt.
Noch einfacher ist es, vor der Wahl zu spekulieren, wer denn nun welche Chance auf das Amt hat - auch das völlig bedeutungslos und zeitraubend für die Leser, denn selbst Wahlgierige dürfen den Oberpräsidenten nicht wählen. Wozu auch, hat er doch nichts zu verrichten, außer vorhanden zu sein.
Morgen wird die Rundschau etliche Spalten füllen mit dem Ergebnis der Wahl, mit Volksverblödung per Stellungnahmen von Oberbonzen zum Wahlergebnis.
Ebenso wurde und wird die Rundschau mit dem Langweiler Grundgesetz gefüllt und der Mitteilung, dass wegen des Grundgesetzgeburtstages ein Bürgerfest in Berlin mit Bratwurst und Broschüren stattfand.

Völlig vergessen wird dabei, dass statt der Kolonialisierung der DDR die Chance bestanden hatte, endlich eine Verfassung für einen neuen deutschen Staat zu schaffen. Darüber las ich kein Wort. Stattdessen erfuhren die Leser, wer bereits Oberpräsident war, was jeder im Internet nachlesen kann, ohne einen Cent dafür auszugeben.

Wenn schon Historisches, dann z.B. auch die Geschichte der sozialen Marktwirtschaft, die hier in aller Kürze nachzulesen ist und zeigt, welche Möglichkeiten sich das deutsche Volk entgehen ließ, oder welche ihm genommen wurden:
Wer weiß heute noch, dass in Hessen 1946 die Sozialisierung von
Schlüsselindustrien, Großbanken und Versicherungen per Volksentscheid
beschlossen wurde? Wer weiß noch, dass die Briten im gleichen Jahr die
Schwer- und Montanindustrie in Nordrhein-Westfalen verstaatlichen
wollten? Und wer erinnert sich eigentlich noch an das Ahlener Programm
der CDU, in dem 1947 ein christlicher Sozialismus anstelle einer
kapitalistischen Wirtschaftsordnung gefordert wurde?
Stattdessen erfuhren die Leser auf einer ganzen Seite, dass ein Sturm in einem mecklenburgischen Dorf Teile von ein paar Dächern abdeckte und ein paar Bäume umwarf. Das mag eine schlimme Abwechslung im Alltag der Dorfbewohner gewesen sein, von denen alle unversehrt blieben. Im Grunde genommen ist sie für alle anderen Zeitungsleser unerheblich.

Dagegen ist von außerordentlichem Belang, wie die ein halbes Dutzend Männer in aller Stille fast eine halbe Billion Euro an Banken verteilen. Davon erfahren die Rundschau-Leser nichts. Das können sie auch nicht, weil ohne kommentarischen Widerspruch der meisten Medien und durch Abnicken des Stimmviehs im Bundestag die Regierung einen Geheimbund gründete, der über die Verwendung des Geldes der Steuerzahler entscheidet. Den Steuerzahlern wurde mit Hilfe der Rundschau und vieler anderer Medien die Abwrackprämie schmackhaft gemacht, damit die Zahlenden die Mäuler auch aufmachen, wenn sie mit ihrem eigenen Geld gestopft werden (das nur wenige von ihnen erhalten, um es an die Autokonzerne abzuliefern) und mit dem Geld ihnen auch noch die Augen zugekleistert werden. Sie werden nicht aufmucken und sie werden auch nicht sehen, wie sie hinters Licht geführt werden. Sie werden auch nicht mitbekommen, dass sich die Insel-Rundschau dem Dasein als Kuli der Regierenden hingibt und sich dafür von den Lesern bezahlen lässt.

Das erinnert mich an das mediale Gebrüll nach der Wende, jetzt müssten die DDR-Bürger ohne DDR aber gründlich ihre Vergangenheit bewältigen. Die Altdeutschen hatten keine Vergangenheit und haben auch 20 Jahre später keine, denn es galt zu raffen. Während sich die Medien bildlich die Mäuler zerfetzten über Stasispione und deren Helfer, eigneten sich Altdeutschländler große Teile der DDR an, nachdem sie das Volkseigentumm zu Staatseigentum erklärten, eines Staates, den es nicht mehr gab und dessen Eigentum nun wohlfeil zu haben war - für jene, die das Kapital und die Beziehungen hatten. Einige ließen sich nicht nur beschenken, sondern erhielten sogar noch Geld, Steuergeld, damit sie DDR-Stücke abnahmen. Das war der potenzierte Irrsinn: Die neuen Steuerzahler, die ihren Staat vernichtet hatten, zahlten nun dafür, dass sie enteignet wurden, merkten aber nichts, weil sie mit der Bewältigung ihrer Vergangenheit zu tun hatten.

Nun passiert dasselbe. Den DDR-Ehemaligen wird erklärt, dass sie in einem Unrechtsstaat lebten, andere meinen, das sei nicht so gewesen und wie vor 2000 Jahren wird die Masse mit Brot und Spielen - das Gequassel um den Unrechtsstaat, die Wahl des Oberpräsidenten, das Bürgerfest, der Schauder über abgedeckte Dächer, alles nichts als Brot und Spiele - und währenddessen tut der Geheimbund gerade Gleiches wie damals die DDR-Aufkäufer. Er verscherbelt Steuergeld in unbegreiflicher Höhe und niemand erfährt, wer wie viel davon bekommt.

An beiden Tagen war die Insel-Rundschau keinen Cent wert.
 
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